Weltwirtschaft : Amerika bleibt der Taktgeber der Welt

Alle blicken auf die Vereinigten Staaten: Kann Obama den Fall von der fiskalischen Klippe abwenden, fragen sich viele. Dabei ist viel entscheidender, wie Staaten ihre Volkswirtschaften in Zukunft möglichst innovativ aufstellen - gerade auch mit Hilfe des Internet. Und da hat Amerika Europa einiges voraus.

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Die US-Börse in New York.
Die US-Börse in New York.Foto: dpa / picture-alliance

Ben Bernanke hat den bedrohlichen Begriff erfunden. „Unter den geltenden Gesetzen wird es am 1. Januar 2013 eine massive fiskale Klippe aus großen Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen geben“, warnte der Chef der US-Zentralbank vor zehn Monaten. Nur noch bis zum Jahresende, dann ist die Klippe erreicht. Doch genau wie die Welt trotz der Maya-Prophezeiung nicht unterging, werden auch die Vereinigten Staaten von Amerika nicht von einem Tag auf den anderen über eine Klippe in den Abgrund stürzen. Das Land bleibt auf Jahre die größte Volkswirtschaft und vor allem einer der dynamischsten Märkte der Welt, auch in der sich andeutenden Rezession.

Das schiefe Bild von der Horrorklippe wählte Bernanke vergeblich, um bei Regierung und Opposition gemeinsames politisches Handeln zu erreichen. Aber eigentlich wirkt es auch verharmlosend. Es geht ja nicht nur um eine Klippe, die bis Neujahr zu meistern ist, und danach wird alles gut, sondern die Ursache sind epochale Verwerfungen der Weltwirtschaft. Gerade vollzieht sich ein Wandel wie einst bei der Industrialisierung. Damit verteilt sich der Wohlstand global neu. Noch ist nicht endgültig ausgemacht, wer die Gewinner und wer die Verlierer sind.

Ein bestimmendes Kriterium ist die Staatsverschuldung, in den USA ebenso wie in Europa und in Japan. Die industrialisierten Nationen haben mit ihren Staatshaushalten gegen die globale Umverteilung angekämpft und Schuldenberge angehäuft. Die Konjunkturpakete in der Rezession von 2009 und die Milliardenhilfen für die Banken fallen ebenso in diese Kategorie wie die 80 Milliarden Euro, die allein in diesem Jahr aus dem Bundeshaushalt in die Rentenversicherung fließen. All diesen Maßnahmen gemein ist, dass sie den bestehenden Wohlstand auf Pump sichern sollen. Insofern sind wir alle Aufstocker. Aber der Preis ist hoch: Überschuldung führt in die staatliche Handlungsunfähigkeit, irgendwann ist das Pulver verschossen. Und dann?

Nahe an diesem Punkt stehen die USA, aber es ist weniger eine Klippe, die vor den Amerikanern liegt, als eine Ebene. Doch ist die Staatsverschuldung nicht das einzige Kriterium, an dem sich entscheidet, wie der Wohlstand der Welt sich neu verteilt. Vorne liegen werden die Nationen, die den technologischen Wandel nicht nur aushalten, sondern gestalten. Das Internet verändert alle ökonomischen Prozesse. Keine Branche kann sich ausnehmen, nichts wird diese geradezu exemplarische schöpferische Zerstörung im Sinne Joseph Schumpeters aufhalten. Und in diesem Feld sind die USA der Taktgeber der Welt. So haben sie weiterhin alle Chancen auf enormen Wohlstand.

Europa hingegen ist weiterhin überschuldet, auch wenn die ärgsten fiskalen Klippen überwunden zu sein scheinen, aber vor allem ist Europa eben nicht an vorderster technologischer Front. Kein einziger der großen Internetkonzerne hat hier seine Heimat. Es gibt hier kein Google, kein Amazon, kein Facebook. Das einzige unter den 30 größten börsennotierten deutschen Unternehmen, das originär aus dieser neuen technologischen Sphäre stammt, ist der Softwarehersteller SAP. Alle anderen sind damit beschäftigt, ihre alten Geschäftsmodelle umzudengeln. Wenn aber Verbraucher absehbar über totale Preistransparenz verfügen, also jederzeit wissen, was ihr Wunschprodukt anderswo kostet, wenn sie obendrein vieles nicht besitzen, sondern nur nutzen wollen, dann greifen die meisten Antworten der etablierten Wirtschaft viel zu kurz.

China ist nicht überschuldet und auch technologisch vorne dabei, weil das größte Land der Erde Entwicklungsstufen überspringt. Das enorme Gefälle zwischen Arm und Reich bewirkt trotzdem, dass auch China keine sichere Wette ist. Zwischen den USA und Europa, zwischen Dollar und Euro entscheidet die staatliche Verschuldung und die technologische Entwicklung maßgeblich darüber, wie sich der Wohlstand verteilt. Die EU der 27 als größter Wirtschaftsraum der Welt hätte alle Chancen, den Wettlauf für sich zu entscheiden. Aber ohne Mut zur schöpferischen Zerstörung, politisch wie wirtschaftlich, geht es nicht.

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