Wenche Arntzen : Die Frau, die über Breivik richtet

Wenche E. Arntzen ist die Vorsitzende Richterin im Prozess gegen den Attentäter von Oslo und Utöya, Anders Behring Breivik. Sie duzt den Angeklagten - und er sie. Das ist nicht die einzige Besonderheit in diesem Verfahren.

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Wenche E. Arntzen ist die Vorsitzende Richterin im Prozess gegen Anders Behring Breivik.
Wenche E. Arntzen ist die Vorsitzende Richterin im Prozess gegen Anders Behring Breivik.Foto: reuters

Ihr Großvater war Reichsankläger. Kurz nach Kriegsende 1945 erwirkte Sven Arntzen Todesstrafen gegen Kollaborateure der NS-Besatzer. Heute ist die Todesstrafe in Norwegen abgeschafft. Auch lebenslängliche Haftstrafen gibt es praktisch nicht mehr. Doch die 52-jährige Osloer Amtsrichterin Wenche Elizabeth Arntzen trägt eine große rechtshistorische Verantwortung, als Vorsitzende im Prozess gegen den 77-fachen Mörder von Utöya und Oslo, Anders Behring Breivik.

Arntzen ist erst seit 2007 Richterin. Zuvor war sie Anwältin, unter anderem für die sozialdemokratische Regierung. Darüber, ob sie, die es als Tochter aus einer einflussreichen Juristenfamilie einfach hatte, Karriere zu machen, ihr Handwerk versteht, herrscht nach der ersten Woche des Breivik-Prozesses keine Einigkeit.

Die einen finden, dass sie die vielfältigen Herausforderungen souverän löst und gleichzeitig an norwegischen Werten festhält. Im Prozess muss sie letztlich entscheiden, ob Breivik, dessen Schuld außer Frage steht, geistig krank ist und in die Psychiatrie muss, oder ob er straffähig ist und in ein Gefängnis wandert. Ihre Befürworter meinen, dass sie es schafft, im Gerichtssaal Autorität auszustrahlen, ohne raubeinig zu werden. Damit entspricht sie ganz dem norwegischen Rechtsempfinden, dass man selbst Mördern noch mit rechtstaatlichem Respekt und Humanität begegnet. In Norwegen sprechen sich alle mit „Du“ an, deshalb sagt die Richterin „Du“ zu Breivik. Auch Breivik duzt die Richterin.

Rechtsextremer Attentäter Anders Behring Breivik vor Gericht
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Ihre Kritiker werfen Arntzen Schlampigkeit und Passivität vor. Sie habe es versäumt, die Schöffen genau kontrollieren zu lassen. Einer musste mitten im Prozess entlassen werden, weil er auf Facebook die Todesstrafe für Breivik gefordert hatte. Am vergangenen Dienstag verärgerte sie viele Norweger, als sie Breivik zwar mehrmals bat, nicht weiter aus seiner Horrorrede zu lesen, ihn aber schließlich doch gewähren ließ, obwohl das Vorgetragene offensichtlich ohne Belang war. Insgesamt scheint es nicht viel Sympathie für die zu weiche, zu nachgiebige und streckenweise unprofessionelle Richterin zu geben.

Dass sich die norwegischen Medien dennoch mit ihrer Kritik zurückhalten, ist ebenfalls typisch norwegisch. Offene Kritik ist selten. Sie wird wegen der engen Machtkonstellationen vermieden. Auch der katastrophale Einsatz der Polizei am Tag der Attentate im letzten Sommer ist noch immer kein Thema. André Anwar

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