Wende : Die Einheit war alternativlos

Helmut Kohl gebührt Dank und Respekt, aber auch ohne ihn wären die Deutschen zusammengewachsen.

Malte Lehming

Das Dilemma aller Geschichtsschreibung hat Karl Kraus so zusammengefasst: Er halte den Zufall für den wahren Diktator des Weltgeschehens, sei aber vom Glauben an Zusammenhänge nicht abzubringen. Ja, es gibt historischen Zufall. Hätte Adolf Hitler am 8. November 1939 den Münchner Bürgerbräukeller nicht 13 Minuten zu früh verlassen, wäre er vom Sprengsatz Georg Elsers wohl getötet worden – und die Weltgeschichte wäre anders verlaufen. Aber es gibt eben auch Zusammenhänge, Tendenzen, Zeitströmungen, die aus den Akteuren gewissermaßen die Handlanger jenes Weltplans machen, der die Epoche beherrscht. Zufall und Zusammenhänge: Beides muss man im Blick behalten.

Haben wir Helmut Kohl die deutsche Einheit zu verdanken? Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, hat den Mantel der Geschichte ergriffen, die vier Siegermächte überzeugt – und in knapp einem Jahr vollbracht, wovon andere nicht einmal mehr geträumt hatten. Insofern ist er der Vater der Einheit – trotz aller ihn und sie begünstigenden Faktoren, von Ronald Reagan über Papst Johannes Paul II. bis zu Michail Gorbatschow und den Freiheitsbewegungen in Osteuropa. Für die schnelle, reibungslose und von sensibler Diplomatie begleitete Art, wie die Einheit zustande kam, gebührt Kohl großer Dank und aufrichtiger Respekt.

Aber gilt ebenso die Gleichung: Ohne Kohl keine deutsche Einheit? Das muss bezweifelt werden. Die DDR war kein Staat wie andere Staaten. Sie war eine Anomalie. Ohne die Präsenz von Sowjetunion und Mauer war sie zum Untergang verurteilt. Kein Runder Tisch, keine Reformregierung hätte sie retten können. Mit maroder Wirtschaft und einer untauglichen Währung, aber einer durchlässigen Grenze gen Westen wäre das Land innerhalb kürzester Zeit entvölkert gewesen. Kein russisches, amerikanisches, britisches oder französisches Veto hätte verhindern können, dass das geteilte Volk irgendwie wieder zusammenwächst. Ob mit Kohl oder ohne: Die Einheit musste kommen, wenn nicht im Oktober 1990, dann ein paar Jahre später. Die deutsche Einheit war alternativlos.

In diesem Sinne war Kohl nicht so sehr der gestaltungsmächtige Komponist des Geschehens, als vielmehr der „Geschäftsführer des Weltgeistes“, wie es bei Hegel heißt. Vielleicht krankt unser Blick auf die Ereignisse vor 20 Jahren ja überhaupt daran, dass wir, voll Sehnsucht nach geschichtlicher Mythologisierung, die Akteure zu sehr mit der Brille Jacob Burckhardts betrachten („Kein Mensch ist unersetzlich, aber die wenigen, die es eben doch sind, sind groß“) und sie zu wenig in den umfassenderen Sinnzusammenhang betten, wie ihn etwa Hegel aufgezeigt hat. Den „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“, heißt es bei ihm treffend, haben wir „in seiner Notwendigkeit zu erkennen“.

Eine solche Sichtweise reduziert die Akteure von damals keineswegs zu Marionetten. Stattdessen lehrt sie eine Haltung der Bescheidenheit gegenüber dem eigenen Tun, die neben allem berechtigten Stolz etwas mehr Platz in der deutschen Wendegeschichtsschreibung verdient hätte.

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