Wende in der Atompolitik : Der Niedergang der konservativen Ideologie

Freier Markt, Euro, Familie, Gott, Wehrpflicht - auf vielen Gebieten haben die Konservativen bereits Kränkungen erlebt. Mit ihrer Wende in der Kernenergiepolitik verlieren sie einen letzten Halt.

von
Was bleibt vom konservativen Leitbild?
Was bleibt vom konservativen Leitbild?Foto: dpa

Von Sigmund Freud stammt der Begriff der „narzisstischen Kränkung“. Demnach bewirken bestimmte Erlebnisse oder Einsichten eine als schmerzhaft empfundene Kluft zwischen Selbstbild und Realität. Sowohl ein Einzelner als auch ein Kollektiv kann derart in seinem Selbstwertgefühl verwundet werden. Sogar auf die gesamte Menschheit wandte Freud den Begriff an. Durch drei Erkenntnisse sei diese nachhaltig in ihrem Stolz verletzt worden. Erstens: Die Erde ist nicht der Mittelpunkt des Universums (Kopernikus). Zweitens: Der Mensch stammt nicht von Gott ab (Darwin). Drittens: Das menschliche Denken wird auch von Trieben beherrscht (Freud).

Viel mehr als nur drei Kränkungen haben seit etwa acht Jahren die Konservativen in Deutschland erlitten. George W. Bush trieb ihnen mit dem Irakkrieg ihre feste transatlantische Bindung aus. Die Lust auf Wirtschaftsreformen verging ihnen nach dem miserablen Bundestagswahlergebnis 2005. Der Glaube an den Markt verdorrte infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise. Der religiöse Halt wurde durch die Missbrauchsskandale unterminiert. Die Wehrpflicht schafften sie selbst ab. Die Überzeugung, dass der Euro stabil sei, bröckelt spätestens seit dem Griechenland-Debakel. Das traditionelle Familienbild (Frau, Mann, Kinder) wird selbst durchs Kabinett nicht mehr repräsentiert. Die christliche Tradition ergänzt der eigene Bundespräsident mit Hinweis auf den Islam. Und die bürgerlichen Tugenden? Verabschieden sich mit Karl-Theodor zu Guttenberg.

Bis vor knapp einer Woche blieb den Konservativen als letztes Unterscheidungsmerkmal zum rot- grünen Mainstream die Verlängerung der Laufzeiten für Kernkraftwerke. Doch auch damit ist es nun vorbei. Ob aus Taktik oder Überzeugung: 25 Jahre nach Tschernobyl hat die Atomtechnik endgültig jene Unschuld verloren, die sie nie hatte. Künftig wird nur noch über Geschwindigkeiten des Ausstiegs gestritten werden.

So markiert die Kehrtwende Angela Merkels in der Atompolitik die letzte, aber auch letztmögliche Kränkung des konservativen Selbstbildes. Da ist jetzt nichts mehr, was Differenz ausmacht und Identität verleiht. Wobei aus Fairness gegenüber der Kanzlerin betont werden muss, dass sie nur geringe Schuld am Niedergang der konservativen Ideologie trägt.

Zweifellos aber verliert die Union an Bindungskraft. Die Abgänge und Abgewählten in alphabetischer Reihenfolge: Dieter Althaus? Weg. Ole von Beust? Weg. Roland Koch? Weg. Norbert Lammert? Noch da, aber entfremdet. Günther Oettinger? Nach Brüssel gegangen. Jürgen Rüttgers? Weg. Christian Wulff? Bundespräsident. Hinter jedem dieser Namen steckt ein eigenes Schicksal. In der Häufung drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass geistige Heimat, die das politische Herz wärmt, im konservativen Milieu kaum noch angeboten und gefunden wird. Die Wende in der Atomenergiepolitik könnte, wie immer man sie inhaltlich bewertet, das Ende des ohnehin schon marode gewesenen deutschen Konservativismus bedeuten.

Autor

61 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben