Meinung : Wenn Ärzte handeln dürften

Die Planwirtschaft macht das Gesundheitssystem unbezahlbar

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Von Alexander S. Kekulé

WAS WISSEN SCHAFFT

Die beiden stärksten Kräfte der Heilkunst sind der Glaube und das Geld. Ohne Glauben an den Arzt wirkt jede Therapie höchstens halb so gut, das gilt für den Hustensaft vom Apotheker genauso wie für das Hühnerblut vom Schamanen. Ohne Geld will und kann der Arzt dem Patienten nicht helfen: Schon Hippokrates bot seine Dienste nur gegen Bares an. Auch westafrikanische Marabuts behandeln die aus den Wohlstandsländern angereisten Patienten nur gegen harte Dollars.

Auch die gegenwärtige Krise des Gesundheitssystems hat mit Glauben und Geld zu tun: Die Ärzte glauben, dass sie für ihre Leistung zu wenig Geld bekommen. Die Patienten glauben, dass sie von den Ärzten schlecht behandelt werden. Beides trifft teilweise zu – doch hat das eine nichts mit dem anderen zu tun, auch wenn dies von den Funktionären beharrlich behauptet wird. Die – relativ zu den Kosten – mäßigen Leistungen des deutschen Gesundheitssystems liegen vor allem an mangelnden Qualitätskontrollen. Weil jeder herumdoktern darf, wie er will, ein patientenbezogenes Management fehlt, werden insbesondere chronische Krankheiten wie Diabetes schlechter behandelt als in anderen Industrieländern. Auch bei der Diagnostik, etwa der Früherkennung von Brustkrebs, fehlen Spezialkenntnisse und ausreichende Kontrollen der Ärzte.

Der Hauptgrund für die Finanzmisere jedoch sind die planwirtschaftlichen Fesseln, die allen Beteiligten angelegt sind. Was spräche dagegen, dass sich niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser zu Qualitätszirkeln zusammenschließen und ihre Leistung mit dem Krankenversicherer im Paket anbieten? Wieso sind eigentlich die Kassenärztlichen und zahnärztlichen Vereinigungen (KVen) nicht auf die Idee gekommen, Zahnprothesen preiswert – und legal – im Ausland produzieren zu lassen? Oder andere Heilmittel wie Krücken, Stützstrümpfe, Verbandmaterial billig zu importieren? Warum wird gegen Internet-Apotheken prozessiert, statt deren Preisvorteile zu nutzen? Warum dürfen Ärzte ihre Medikamente nicht selbst an den Patienten verkaufen?

Das übliche Argument, von einer Lockerung der gesetzlichen Zwänge würden nur die Gesunden profitieren, ist nur scheinbar plausibel. Natürlich müsste neben dem Wettbewerb der Gesundheitsanbieter ein soziales Fangnetz existieren, das den heutigen Sicherstellungsauftrag der KVen erfüllt, etwa für chronisch Kranke oder ländliche Regionen. Im Gegenzug müssten sich die teilnehmenden Ärzte auf die unternehmerische Freiheit verpflichten. Dafür könnten sie ihr Haupteinkommen durch Verträge mit den Versicherern beziehen, die Mehrarbeit und Qualitätssteigerung belohnen; statt wie das jetzige KV-System: Es bestraft dies mit Punktabzug und Geldbußen.

Die Ärzte wären deshalb gut beraten, sich vom derzeit noch bequemen, aber entmündigenden und unwirtschaftlichen KV-System zu verabschieden. Dienst nach Vorschrift und die angedrohte Blockade des Gesundheitssystems sind dagegen der falsche Weg, weil er zu Lasten der Patienten geht: Wenn die Ärzte das Vertrauen und den Glauben ihrer Patienten verspielen, verlieren sie damit ihr wirksamstes und ältestes Heilmittel.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Mikrobiologie an der Uni Halle. Foto: J. Peyer

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