Meinung : Wenn Ärzte und Patienten zu stark hoffen

Der Vioxx-Skandal ist auch das Ergebnis falscher Erwartungen

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Alexander S. Kekulé Der Skandal um das vom Markt genommene Rheumamittel Vioxx nahm am vergangenen Donnerstag gleich zwei dramatische Wenden. Zuerst veröffentlichte die „New York Times“ Informationen, wonach der Hersteller Merck bereits seit 2000 von den gefährlichen Nebenwirkungen gewusst habe. Ende 2003 habe Merck die Zunahme von Herzinfarkten sogar in einer Studie wissenschaftlich bestätigt, diese jedoch bis jetzt unter Verschluss gehalten. Am selben Tag ließ David Graham von der USGesundheitsbehörde FDA die nächste Bombe platzen: Bei einer Senatsanhörung erklärte er, auch das Rheumamittel Bextra des Konkurrenten Pfizer könne Herzattacken auslösen. Alleine Vioxx habe in den USA 88 000 bis 139 000 Herzinfarkte und Schlaganfälle verursacht, davon etwa 55 000 mit tödlichem Ausgang. Der Hersteller bestreitet das. Jetzt steht die Moral der Pharmaindustrie wieder einmal weltweit am Pranger, Rufe nach strengeren Zulassungskontrollen werden laut.

Doch das Problem liegt tiefer. Seine Wurzeln sind zwei Systemfehler der modernen Medizin, von denen einer im Pharmageschäft, der andere bei den Ärzten und Patienten liegt.

Die Entwicklung wirklich neuer Wirkstoffe ist ein wissenschaftlicher und finanzieller Herkulesakt. Trotz etwa 250 Millionen Euro Aufwand und fünf bis zehn Jahren Arbeit kann niemand garantieren, dass am Ende ein brauchbares Medikament herauskommt. Die Pharmariesen können ihre hohen Investionen nur durch spektakuläre Verkaufsschlager wieder hereinholen.

Doch Heilen ist ein schwieriges Geschäft. Gegen die meisten Volkskrankheiten, wie Gefäßverkalkung, Alzheimer oder Krebs, ist kein Kraut gewachsen. Pharmafirmen vermarkten deshalb oft mäßig innovative Produkte als Wundermittel oder verlegen sich auf Lifestyle-Medikamente gegen Haarausfall, Potenzstörungen und Übergewicht.

Tragischerweise sah es bei Vioxx anfangs so aus, als hätte man endlich einmal wieder eine der ersehnten echten Innovationen, ja einen medizinischen Durchbruch geschafft. Bis dahin bekannte Schmerz- und Entzündungshemmer wie Aspirin oder Diclofenac (Voltaren) verursachen als Nebenwirkung Magenschleimhautentzündung und Magengeschwüre. Das führte insbesondere bei Menschen mit chronischen Rheuma- und Arthroseschmerzen zu lebensbedrohlichen Magenblutungen. Mit den Ende der 90er Jahre entwickelten „COX2-Hemmern“ wie Vioxx, Bextra und Celebrex standen erstmals Schmerz- und Entzündungshemmer ohne die gefürchtete Nebenwirkung zur Verfügung – scheinbar ein Segen für Millionen von Schmerzpatienten.

Mit einem gigantischen Werbeaufwand schaffte es Merck, Vioxx in kürzester Zeit zum Verkaufsschlager mit 2,5 Milliarden Dollar Umsatz zu machen. Jede andere Pharmafirma hätte es genauso gemacht. Jeder anderen hätte das gleiche Missgeschick passieren können. Daran sind auch Ärzte und Patienten nicht unschuldig. Für die meisten Mediziner sind die Hochglanzbroschüren der Pharmafirmen die wichtigste Informationsquelle. Auch Ärztekammern und Fachgesellschaften äußern selten oder zu spät, ob neue Medikamente medizinisch und wirtschaftlich sinnvoll sind. Das jetzt gegründete Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen wurde von der Ärztelobby jahrelang bekämpft.

Die Patienten schließlich nehmen die neuesten Wundermittel lieber, als sich mit Prävention und gesunder Lebensführung abzumühen. Bereits bei den letzten Arzneimittelskandalen ging es um Schlankmacher und Cholesterinsenker, die nur durch falsche Ernährung zu Verkaufsschlagern wurden. Auch viele Arthrosepatienten, die Vioxx nahmen, haben ihre Knie- und Hüftgelenke durch Übergewicht ramponiert.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle.Foto: J. Peyer

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