Meinung : Wenn Araber Araber ermorden

Die meisten Opfer von Al Qaida sind inzwischen Muslime – die tun sich mit der Abwehr schwer

Clemens Wergin

Riad, Casablanca, Taba, Scharm al Scheich und nun Amman: Die Begründungen der Terroristen sind immer dieselben. Die Ungläubigen, „Juden und Kreuzfahrer“ sollen getroffen werden und die mit dem Westen kollaborierenden Autokraten in der Region. Das Ergebnis ist ebenfalls immer dasselbe und entlarvt die Propaganda als pure Heuchelei. Denn egal, ob im besetzten Irak, in Saudi-Arabien, in Ägypten, Marokko, auf Bali oder nun in Jordanien gemordet wird: Die weitaus meisten Opfer sind Muslime.

Besonders deutlich wurde das beim Angriff auf das Radisson SAS von Amman. Dort flog eine 300-köpfige Hochzeitsgesellschaft in die Luft. Das Brautpaar wurde verletzt und die Frischgetrauten verloren jeweils ihre Väter. Nur die Hochzeitstorte überstand den Anschlag fast unversehrt. Das seltsame an dieser Spur der Verwüstung, die Al Qaida nach dem 11. September ja mehr durch die muslimische Welt als den Westen gezogen hat, ist, dass die Ideologie der radikalen Islamisten jener Hochzeitstorte in Amman gleicht. Sie bleibt fast unberührt von der Zerstörung.

Noch immer unterscheiden die Ideologen zwischen Gläubigen und Ungläubigen genauso wie zwischen guten Muslimen (strengen Wahabiten und Islamisten) und schlechten Muslimen (Schiiten, Moderate, Traditionalisten). Und weil der Kampf gegen den westlichen Satan immer schwerer wird, da der Verfolgungsdruck im Westen zugenommen hat, machen die Terroristen das, was totalitäre Revolutionäre immer schon gemacht haben: Sie säubern die eigenen Reihen und selektieren die guten von den schlechten Muslimen.

Der Irrsinn wird im Irak besonders deutlich. Hier geben die Terroristen vor, gegen die Besatzer zu kämpfen. Tatsächlich sterben aber weitaus weniger Besatzer als irakische Zivilisten, die meistens nicht einmal eine Verbindung zur neuen irakischen Regierung haben. Oft sollen nur möglichst viele Schiiten getötet werden. Andere werden allein deshalb ermordet, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Der Terror hat sich so zu einem lebensgefährlichen Geschwür der arabisch- sunnitischen Welt entwickelt. Und es ist enttäuschend, dass die dortigen Gesellschaften so lange brauchen, bis sie Abwehrkräfte entwickeln. Zwar ist die Zustimmung für Al Qaida in den arabischen Staaten gesunken und gestern haben in ganz Jordanien Tausende gegen den Terror demonstriert. Aber sunnitische Gelehrte zieren sich weiter, gewichtige Fatwas gegen Osama bin Laden und seine Gefolgsleute zu erlassen oder eine groß angelegte Kampagne an den Moscheen gegen die Extremisten zu führen.

Die Radikalen haben den Islam zur Geisel gemacht. Und weil sie mit dem Appeal von Sozialrevolutionären auftreten, der besonders wütende junge Männer anspricht, haben es die traditionellen Muslime in der Region schwer, dagegen anzugehen. Allerdings hat man auch nicht den Eindruck, dass sie es ernsthaft versucht haben. Da sind die Vertreter europäischer Muslime einen Schritt weiter.

„It takes a village“ schreibt der bekannte „New York Times“-Kolumnist Thomas L. Friedmann. Will heißen: Man braucht die Abwehrkräfte einer Dorfgemeinschaft, um die Extremisten zu besiegen. Denn nur, wenn die muslimische Gesellschaft diese Form der Auseinandersetzung ächtet und als eindeutig unmoralisch ansieht, können die islamistischen Revolutionäre sich nicht mehr wie Maos sprichwörtlicher „Fisch im Wasser“ unter Sunniten bewegen.

Ein Lichtblick bot an diesem Ramadan eine Fernsehserie, die im arabischen Fernsehsender MBC gezeigt wurde. „Al-Hur Al-Ain“ (Paradiesjungfrauen) spielte in Saudi-Arabien und thematisierte die Zerstörung, die Al-Qaida-Terroristen über arabische Familien bringt. Die von manchen Islamisten heftig angefeindete Soap Opera machte deutlich, was der angebliche Kampf gegen den Westen eigentlich ist: Meistens ein Kampf von Arabern gegen Araber. Und die müssten sich deshalb auch als Erste gegen das Abschlachten von Muslimen im Namen der muslimischen Weltrevolution wenden.

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