Meinung : Wenn der Terrier tanzt

Deutschland ist Zweiter – und mit sich selbst im Reinen

Moritz Schuller

Von Moritz Schuller

Nach der Niederlage gegen Italien in der vergangenen Woche sagte Nationaltorwart Oliver Kahn: „Wir haben gut gespielt.“ Das ist das neue Deutschland. Das alte hörte sich in den Worten eines Trainers noch so an: „Kommen Sie mir nicht mit dem Spruch: ,Sie haben schön gespielt, aber verloren.’ Das kann ich nicht mehr hören.“

Nach Jahren des Siegenmüssens hat Deutschland die ehrenvolle Niederlage für sich entdeckt. Ob die Fußballer bei der WM oder Jan Ullrich bei der Tour de France, die Deutschen werden Zweite und sind dabei ganz bei sich. Dass Jan Ullrich, trotz großartigem Comeback, trotz fairer Geste, die Tour nicht gewonnen hat – es ist im Jubel untergegangen. Die Leverkusenisierung des Landes ist inzwischen in vollem Gange.

Mit dem Ende des Konkurrenzdenkens ist endlich ein Leben ohne Widersprüche möglich. Hegel ist überwunden, und das Leben frei von Verbitterung. Kein Sieg heißt also nicht mehr: Niederlage. Der deutsche Weg ist der Weg des Ausgleichs. Sieg haben wir in unserer Geschichte ohnehin lange genug gebrüllt, eine elegante Niederlage ist in Wahrheit viel nobler, viel schmückender. Endlich tanzt der deutsche Terrier und beißt nicht mehr.

Die Politik ist dieser Entwicklung sogar ein Stück voraus: Dort ist das Konzept von Sieg und Niederlage bereits vollständig abgeschafft. Edmund Stoiber fühlt sich noch immer als Sieger der Bundestagswahl, und auch der Führungskampf bei der IG Metall ist nach wochenlangem Streit vollkommen ohne Verlierer ausgegangen. Ist Eichel ein Verlierer, weil die Neuverschuldung steigt, oder ein Gewinner, weil er noch immer im Amt ist? Sind die Reformen Kür oder Pflicht? Alles nur noch eine Frage der Definitionsmacht, alles nur eine Frage der Wahrnehmung.

In der Verhaltenspsychologie nennt man die Konfliktlösung ohne Niederlage Adaptation. Hier ersetzt der Kompromiss das Konkurrenzdenken. Einem „zweiten Sieger“ sind Gefühle wie Unmut oder Ärger fern. Stattdessen wird gemeinsam über eine akzeptable Befriedigung der Bedürfnisse aller Beteiligten nachgedacht.

Statt Konfrontation also Kommunikation. Die Wissenschaft empfiehlt die Verwendung von Ich-Botschaften, die nicht implizieren, dass der andere die Welt genauso sehen muss. Solche Botschaften sind vom Zuhörer leichter zu akzeptieren. Auch für die gesellschaftlichen Reformen gilt als Regel: Konflikte sollten so zu lösen sein, dass keine der beteiligten Parteien, ob alt oder jung, sich als Verlierer fühlen muss.

Leverkusen, der ehrenvolle zweite Sieger, ist schließlich fast in die Zweitklassigkeit abgerutscht. Dem Land braucht das kein Omen zu sein, als glückliches Schlusslicht Europas droht ihm schon lange keine Niederlage mehr. Die Reformen, von denen immer wieder die Rede ist, haben also die besten, die fairsten, die konfliktfreiesten Voraussetzungen: Wir haben nichts mehr zu verlieren.

Wenn selbst Oliver Kahn, einst ein verbitterter, hemmungsloser Siegertyp, sich so gelassen in die Niederlage fügen kann, dann sollten wir anderen Verlierer das auch. Und wird aus all den vielen Reformen nichts werden, auch gut. Hauptsache wir haben schön gespielt.

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