Meinung : Wenn die Post nicht mehr abgeht

Von Pascale Hugues, Le Point

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Warten auf den Briefträger: eine morgendliche Beschäftigung, die nicht mehr zu den Gewohnheiten des Städters zählt. Der Briefträger: In Berlin hat man sich darunter einen übellaunigen Hermes mit verschwitztem Hemd vorzustellen, der seine Runde über die Trottoirs nicht vor Mittag beginnt. Aber man erwartet ja auch nicht mehr viel von ihm. Wann hat Ihr Postbote Ihnen das letzte Mal einen Brief gebracht? Einen echten Brief – mehrere Seiten, gut formuliert, handgeschrieben mit dem Füllfederhalter. Ich habe mal aufgelistet, wem ich diese Woche meine Korrespondenz zu verdanken hatte: dem Chef des neuen TandooriRestaurants um die Ecke, Call-a-Pizza, der Telekom und einem Versandhandel, der mir „gepflegte Grundlagen“ anbietet, sprich: Damenunterwäsche.

Im Juni 1918 dauerte es noch eine Woche, bis ein Brief aus dem Elsass in Berlin angelangt war. Deutschland war im Begriff, den Krieg zu verlieren. Eine Hungersnot plagte die Bevölkerung. Familien aus der damals noch deutschen Provinz an den Ufern des Rheins schickten Butter, eingemachte Birnen in Sirup und sogar Eier. Die zerbrechlichen Care-Pakete kamen intakt an. Man schrieb sich zweimal pro Woche, lange Briefe, die minutiös den banalsten Alltag schilderten, die Migräne, die Grippeepidemie, die kleinen Geschichten aus der großen Stadt. Selbst wenn nichts passierte, nahm man sich die Muße, über das Verstreichen der Zeit zu schreiben. Es war die einzige Möglichkeit, in jenen wirren Zeiten den Familienzusammenhalt zu wahren. Der Briefträger war eine geachtete Figur des städtischen Lebens. Geduldig wartete man auf Antwort. Das Eintreffen von Telegrammen kündigte zuverlässig von brutalen Todesfällen. Ging es schneller, wusste man, dass das Schicksal zugeschlagen hatte.

Heute dagegen ist es die Langsamkeit, die nichts Gutes verheißt. Die Zeit ist durchgedreht. An jeder Straßenecke beugen sich hastig tippende Berliner mit krummem Rücken über die blauen Bildschirme ihrer Handys. Die Nachrichten werden immer kürzer, immer nervöser – ein Klick, und sie schießen los wie Pfeile. Wenn nicht innerhalb weniger Minuten die Antwort eintrifft, beginnt man, sich Fragen zu stellen. Wenn der Bildschirm nach einer Stunde noch immer nicht das kleine Telefonsymbol anzeigt, ist man alarmiert. Die zwei schrillen Töne, die den Eingang einer Nachricht signalisieren, zersägen mitunter die heiligste Stille – die Traueratmosphäre eines Begräbnisses zum Beispiel, wie ich es gerade vergangene Woche erlebt habe.

Statistiker wissen zu berichten, dass heutzutage ein nicht zu vernachlässigender Anteil amouröser Brüche auf den Bildschirmen der kleinen Wunderdosen vollzogen wird, durch das Eintippen von „Ich liebe dich nicht mehr“. Saubere Abschiede, ohne Tränen, ohne Blicke, ohne Schmerz. Gesagt! Gelöscht! Fertig! Es bleibt keine Spur. Eine Katastrophe für die Chronisten: Wo wird man sie in Zukunft finden, jene kleinen Geschichten der Individuen, die bislang an den Rändern der großen Nationalgeschichte notiert wurden?

Wenn ich mir die Regale der Buchhandlungen ansehe, überrascht es mich, dass das Interesse an Briefwechseln wieder zu steigen scheint. Frontbriefe von jungen Soldaten an ihre Frauen finden sich da, Briefe getrennter Familien, schriftlicher Austausch zwischen Geistesgrößen, Liebesbriefe ... Es scheint, als breite sich eine Nostalgie unter uns aus: die Sehnsucht nach dem morgendlichen Warten auf den Briefträger.

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