Meinung : Wenn die Queen kommt

Von Roger Boyes, The Times

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Ein Stadtkorrespondent muss wie ein Detektiv arbeiten. Er ist wie Agatha Christie’s Hercule Poirot dem Unbekannten auf der Spur, den geheimen Motiven und den verräterischen Gesten. Sie laufen also an einem Tag im August die Große Hamburger Straße entlang und sehen nicht zwei, sondern drei elegante Damen, die sich die Auslagen in Fiona Bennetts Hutladen anschauen. Die drei kichern, eine verdeckt wie ein japanisches Schulmädchen mit der Hand ihren Mund. Was folgern Sie? Sommerhochzeit eines Adelssprosses, mit obligatorischen Hüten? Einige Tage später sehen Sie den Manager des Adlon, braungebrannt und fröhlich. Warum? Weil es das Four Seasons nicht mehr gibt? Sicher nicht.

Und so setzen Sie ihren Spaziergang durch das reiche, durch das arme Mitte fort, bis Ihnen plötzlich ein kleines Informationsindiz unterkommt, das Ihren sozialflatternden Beobachtungen ein Raster gibt: Die Queen kommt. Zugegebenermaßen nicht vor November. Aber die Zimmer im Adlon sind bereits reserviert, und in der huttragenden Schicht hat das Gedränge um einen Platz auf der Einladungsliste begonnen.

Ehrlich gesagt, meine eigene Aufregung hält sich in Grenzen. Manche Monarchen leuchten mir ein, aber nicht alle. Der König von Spanien macht seinen Job gut. Der ehemalige König von Bulgarien wurde in einem brillanten Schachzug der demokratisch gewählte Ministerpräsident. Die Könige von Marokko und Jordanien führen ihre Länder offensichtlich intelligent. Aber was die britische Monarchie betrifft, teile ich die Auffassung des Dramatikers John Osborne: Sie ist der goldene Zahn in einem verrottenden Mund.

Die Königin selbst arbeitet, anders als viele ihrer Familienmitglieder, wenigstens hart. Und sie dient einem sinnvollem soziologischen Zweck: Wo auch immer sie auftaucht, spült sie unterdrückten Snobismus und Pompösität an die Oberfläche. Selbst Linksradikale werfen plötzlich ihre Prinzipien über Bord und stürzen zu ihren Parties oder lassen sich Orden umhängen.

Bei ihrem Besuch in Berlin wird es nicht anders sein. Ich habe Mitleid mit den Hofbediensteten, Protokollbeamten und Diplomaten, die derzeit die Einladungslisten komponieren. Sie müssen deutsche Berühmtheiten von einem solchen internationalen Gewicht finden, dass die Queen eventuell schon mal von ihnen gehört haben könnte. So weit ich sehe, läuft das auf Boris Becker hinaus (der inzwischen aber berühmter für seine Fähigkeit ist, ein Baby in einer Londoner Besenkammer zu zeugen, als für sein Talent, den Ball zu schlagen) – und auf Claudia Schiffer (ebenfalls vor allem als Babyproduzentin bekannt).

Die Berliner Gesellschaft bleibt eine Insel selbstbezogenen Deutschseins – was ungefähr einem nach innen wachsenden Fußnagel entspricht. Es genügt das Restaurant „Borchardts“ am Gendarmenmarkt aufzusuchen. Die Kellner dort sind die Sozialarbeiter der Stadt. Neulich hatten sie entschieden, dass Mathias Döpfner und Stefan Aust die Stars der Stunde sind. Sie bekamen einen Platz in der Mitte des Gartens, die gerade weniger Berühmten wie Filmproduzent Bernd Eichinger und Uli Jörges vom „Stern“ einen am Rand.

Die Übrigen wurden noch weiter weg platziert und damit zu Zuschauern gemacht. Unglückliche amerikanische Touristen – wer weiß, vielleicht waren ein oder zwei Nobelpreisträger darunter – mussten sich schweißgebadet mit Tischen drinnen begnügen. Für ungefähr eine Stunde spielten sich die Rituale der Berliner Medienwelt bei kalter Gurkensuppe ab.

Döpfner vom Springer- und Aust vom Spiegel-Verlag hielten vermutlich einen Rechtschreibreform-Gipfel ab. Eichinger besprach wohl das nächste deutsche Filmprojekt, das im Ausland floppen würde. Springer möchte gern ein global Player sein, kann es sich aber nicht mal leisten, eine britische Zeitung zu kaufen. Der „Spiegel“ hat nur den Bruchteil des internationalen Einflusses von „Newsweek“ oder „The Economist“. Sie sind nur große Fische in einem kleinen Teich.

So ist es gut, dass die Queen alle paar Jahre zu Besuch kommt. Gut für alle, die sonst vergessen, dass Ruhm eine leere Blase ist – und gut für die Hutmacher.

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