Meinung : Wenn die Winde wehen

Für das Desaster am Hauptbahnhof in Berlin will niemand verantwortlich sein

Klaus Kurpjuweit

Welch eine Blamage! Der nach Ansicht der Bahn modernste und schönste Bahnhof der Welt, der erst vor acht Monaten eröffnete Berliner Hauptbahnhof, musste gestern erneut wegen eines Sturmes gesperrt werden. Der Schritt war sicher richtig, denn an dem Ein-Milliarden-Bau ist nicht auszuschließen, dass bei starken Böen Stahlträger in die Tiefe stürzen – wie beim Orkan „Kyrill“ in der Nacht zu Freitag. Nur weil sich an der Absturzstelle keine Menschen aufgehalten hatten, wurde niemand verletzt.

Bis die rund 100 Träger gesichert sind, will die Bahn den Superbahnhof nun immer dann schließen, wenn die Windstärke über dem Wert acht liegt. Für Fahrgäste, die am Hauptbahnhof abfahren oder dort ankommen wollen, ist es derzeit wichtiger, auf die Wetterkarte zu sehen als auf den Fahrplan. Gefahren und gehalten wird in dem Glaspalast schließlich garantiert nur, wenn keine kräftigen Winde wehen.

Sicher kann bei einem solchen Großprojekt auch einiges schiefgehen. Wie die Verantwortlichen sich jetzt aber verhalten, ist mehr als irritierend. Sie stellen sich hin und erklären, schuld mag sein, wer will, nur wir nicht. Die Architekten sind es nicht, die Statiker sind es nicht, die Baufirmen sind es nicht, und auch die Genehmigungsbehörde war es nicht.

Der Kunde sieht’s erstaunt und hört: Es war wohl nur der Sturm, der den ohne besondere Sicherung befestigten Träger abstürzen ließ. Da viele dieser Träger an dem schmucken Bau nur schmückende Elemente sind, wurden rund 100 von ihnen weder verschraubt noch angeschweißt. Sie sollten allein durch ihr Gewicht halten.

Empört wies die Bahn jetzt die Behauptung zurück, bereits in der Planungsphase seien Bedenken gegen diese Art des Bauens vorgebracht, dann aber als unangebracht eingestuft worden. Man hielt den Bau stets für sicher. Sicherheitsbedenken habe es nie gegeben, sagte ein Sprecher. Auf die Frage, ob solche Einwände nicht doch vorgebracht worden waren, dann aber für unbegründet gehalten wurden, antwortete der Sprecher wohlweislich nicht.

Skandalös ist nicht nur, dass ein schweres Bauteil vom Prunkbahnhof der deutschen Hauptstadt abgestürzt ist. Sondern ein Skandal ist es auch, wie die Beteiligten danach damit umgehen. Und dafür gibt es Verantwortliche. Ganz gewiss.

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