Meinung : Wenn Forscher zu viel ausplaudern Die Terrorangst bedroht die Freiheit der Wissenschaft

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Von Alexander S. Kekulé

WAS WISSEN SCHAFFT

Die Anleitung zum Bau der geheimnisvollen Waffe erschien im Jahre 1895. Sie war unsichtbar, geruch und geräuschlos und konnte sogar durch Wände hindurch töten. Ihre zerstörerische Kraft würde, dessen waren sich die zahlreichen Mahner damals sicher, eine neue, teuflische Ära der Militärgeschichte einläuten. Der Titel der vermeintlich gemeingefährlichen Publikation lautete: „Über eine neue Art von Strahlen". Ihr Autor: Wilhelm Conrad Röntgen – sechs Jahre später bekam er dafür den ersten Nobelpreis der Geschichte.

Im 21. Jahrhundert könnte der geniale Experimentator die Entdeckung der Röntgenstrahlen möglicherweise nicht mehr veröffentlichen. Vergangene Woche gaben mehr als 20 der weltweit führenden Wissenschaftsmagazine bekannt, dass sie künftig keine „potenziell gefährliche Wissenschaft" mehr publizieren wollen – gemeint sind Informationen, die für terroristische Anschläge oder die Herstellung von Massenvernichtungswaffen nützlich sein könnten. Sie gaben damit dem Druck der US-Regierung nach, die seit Monaten eine Selbstzensur der „scientific community“ forderte.

Ausgelöst wurde die Debatte durch eine Reihe wissenschaftlicher Publikationen, die Hinweise für die Herstellung von Biowaffen enthielten. Im Februar 2001 etwa schilderten australische Forscher detailliert, wie man das harmlose Mäusepockenvirus zu einem – für Mäuse – tödlichen Killer umfunktionieren kann. Vergangenen August stellten US-Wissenschaftler ein künstliches Poliovirus nach dessen im Internet veröffentlichter Gensequenz her. Die scheinbar nahe liegende Konsequenz, „bad science“ nicht mehr zu veröffentlichen, ist jedoch ein gefährlicher Irrweg. Ohne Publikationen sind Forschungsergebnisse wertlos, die Finanzierung des Projekts – und oft auch der beteiligten Wissenschaftler – wird früher oder später eingestellt. Diese gravierende Verletzung der Forschungs- und Pressefreiheit wollen die Wissenschaftsjournale dann vornehmen, wenn bei einer Publikation der „potenzielle Schaden die potenziellen gesellschaftlichen Vorteile überwiegt". Diese Feststellung zu treffen ist jedoch fast unmöglich, zumal von der Zensur hauptsächlich die Grundlagenforschung betroffen ist.

Die Entdeckung etwa, dass ein biologischer Wirkstoff durch eine bestimmte Veränderung erheblich giftiger wird, kann für Bioterroristen interessant sein – oder zur Entwicklung eines lebensrettenden Medikamentes führen: Tollkirsche, Fingerhut, Curare, Botulinum oder das Gift des japanischen Pufferfisches sind Meilensteine des medizinischen Fortschritts. Auch das Verständnis gefährlicher Viren ist notwendige Voraussetzung für die Entwicklung von Gegenmitteln. Selbst Forschungsergebnisse mit extremen sozialen Folgen sind kaum objektiv zu bewerten: Hätte etwa die Entdeckung der Kernspaltung vor der Welt verheimlicht werden sollen?

Wissen ist nicht gut oder böse – es kommt darauf an, was man damit anfängt. Wenn jedoch wichtige Forschungsergebnisse zu Geheiminformationen gemacht werden, schadet das vor allem der seriösen Wissenschaft. Für staatliche Militärforschung und global operierende Terrororganisationen dürfte es dagegen weiterhin kein Problem sein, sich das „böse" Wissen zu beschaffen.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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