Meinung : „Wenn Frau Rau mir …

Elisabeth Binder

… etwas von ihren Erfahrungen mitteilen könnte, fände ich das schön.“

Die Tischkarte bei einem Staatsbankett trägt traditionsgemäß nicht den Namen der Frau des Bundespräsidenten, sondern die Aufschrift „Hausfrau“. Das ist eine Feinheit des Protokolls, die leicht in die Irre führen kann. Die Frau des Präsidenten nimmt nämlich immer einen Managerposten ein. Dass es sich dabei um ein Ehrenamt handelt, ist ganz egal. Die erste Dame im Staat kann viel bewegen. Eva Köhler hat bei ihren ersten Auftritten deutlich gemacht, dass sie die Chancen ihres neuen Ehrenamtes nutzen kann und will. Die 57-jährige frühere Lehrerin zeigte sich offen, patent, lebenserfahren, nachdenklich und sozial engagiert. In einem ihrer ersten Interviews sagte sie der „Bunten“, dass ihr zwar die Nöte der Kinder sehr am Herzen lägen, man aber auch die Sorgen der älteren Mitbürger nicht vergessen dürfe. Da könnte sie eine große Herausforderung finden. Die wachsende Zahl der Alten in einer Gesellschaft, in der Respekt vor dem Alter immer weniger verbindlich ist, enthält die Art von sozialem Sprengstoff, um den sich Berufspolitiker frühestens dann kümmern, wenn er hochgeht. Andererseits gibt es kaum ein Amt, das schwelenden Problemen so viel Aufmerksamkeit verschaffen kann wie das der First Lady. Christina Rau hat immer neue, phantasievolle Aktionen für benachteiligte Kinder und Jugendliche gestartet und dabei viel Geld zusammengebracht. Christiane Herzog ist es zu verdanken, dass es für Mukoviszidose-Kranke heute deutlich größere Hoffnung gibt als früher. Eva Köhler hat in Washington mit ihrem weltläufigen Auftreten auf dem internationalen Parkett überzeugt, hat dabei auch Interesse an sozialen Themen gezeigt. Dass sie sich für ein Blindenprojekt engagieren würde, hat einen familiären Hintergrund. Ihre Tochter erkrankte als Jugendliche an einer unheilbaren Augenkrankheit, die zur Erblindung führte. Heute lebt sie trotzdem völlig selbstständig.

Wenn ihr Mann am 1. Juli sein Amt antritt, wird sich Eva Köhler wie ihre Vorgängerinnen mit Stapeln von Anfragen konfrontiert sehen. Die Entscheidung, worauf sie sich konzentrieren sollte, wird sicher nicht leicht. Denn eins wird spätestens das Gespräch mit Christina Rau ganz deutlich machen. Es gibt wenige Titel, aus denen sich so viele gute, nachhaltige Funken schlagen lassen, wie den einer „Hausfrau“ an der Seite des Bundespräsidenten.

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