Meinung : Wenn Gutmenschen Schlechtes bewirken

Wieder findet weltweit ein Konzert gegen die Armut in Afrika statt. Wird Live 8 die Fehler von Live Aid wiederholen?

David Rieff

Ist es nicht besser etwas zu tun als sich in Zynismus zu üben und nichts zu tun? Jeder, der schon einmal Kritik an Organisationen geübt hat, die sich die Verbesserung der Welt auf die Fahnen geschrieben haben, kennt diese Frage. Für all die UN-Institutionen, Hilfsorganisationen und Entwicklungshilfegruppen in Krisengebieten, ob in Afghanistan oder Aceh, ist jede „unkonstruktive“ Kritik und ganz besonders eine, die impliziert, dass es eigentlich besser gewesen wäre, nichts zu tun, nihilistischer Quatsch. Auf den Punkt bringt diese Sichtweise Edmund Burkes Diktum, dass es für den Sieg des Bösen schon reicht, wenn die „guten Menschen nichts tun“. Das ist ein Lieblingsspruch von Kofi Annan. Wer nichts tut, so lautet das Standardargument, arrangiert sich mit dem Horror eines Irak unter Saddam Hussein oder, aktueller, mit dem der Massenmorde im sudanesischen Darfur. Man kann aber auch anders argumentieren: dass es im globalen Altruismusgewerbe manchmal in der Tat besser ist, gar nichts zu tun.

Für jene, die glauben, es sei unter allen Umständen besser, etwas zu tun, erklären sich negative Folgen ihres Handelns allein dadurch, dass noch nicht genug getan wurde. Die häufigste Beschwerde lautet, dass sich der Westen zu wenig um die Hunger- und Schuldenkrisen schert. Seit über 30 Jahren – so lange wie die Hauptreaktion des Westens auf die Krisen der Dritten Welt aus humanitärer Hilfe besteht – ist die beliebte Metapher zu hören, die Menschen müssten „aufgeweckt“ werden, damit sie endlich wahrnehmen, was in der Welt wirklich passiert. Aktivisten, die den Egoismus und die Selbstsüchtigkeit der reichen Länder beklagen, verweisen oft auf Band Aid – jene von Bob Geldof und Midge Ure 1984 gegründete Band, die mit der Single „Do they know it’s Christmas?“ und den Live Aid-Konzerten im Juli 1985 zwischen 50 und 70 Millionen Pfund zusammenbrachte –, um zu belegen, dass es Mittel gegen die Mitleidsmüdigkeit gibt. Damals sagte jemand: „Humanitäre Unterstützung steht nun im Zentrum der Außenpolitik … Das ist zum großen Teil Bob Geldofs Verdienst.“

Bob Geldof jedenfalls ist davon überzeugt. Für ihn stellte die Live-Aid-„Erfahrung“ eine profunde soziale Innovation dar, die das Weltbild derjenigen Politiker im Westen entscheidend mitgeprägt hat, die wirklich an einer Lösung der Entwicklungskrise, vor allem im Afrika der südlichen Sahara, interessiert waren.

Für viele Mitarbeiter von Hilfsorganisation waren Medienberichterstattung und Prominente schon immer ein entscheidender Faktor. „Keiner hätte Äthiopien so sehr beachtet, wenn es Live Aid nicht gegeben hätte“, sagt Joanna Macrae, die früher für das Overseas Development Institut gearbeitet hat. Macrae hat jedoch Bedenken, was „schnelle, laute Antworten“ angeht. Derartige Skepsis ist dünn gesät. Bob Geldof mag im Fernsehen sagen: „Gebt uns jetzt euer beschissenes Geld“, und als Begründung anführen, dass es bei Live Aid darum geht, „Menschenleben zu retten“. Aber erfahrene Helfer wussten damals, wie sie es heute wenige Tage vor Live 8, Geldofs lang ersehnter Nachfolgeaktion, auch wissen, dass es keine zwangsläufige Verbindung zwischen dem Sammeln für einen guten Zweck und der sinnvollen Verwendung des Geldes gibt.

Gleichwohl zeigt der Wirbel, den Live 8 auslöst, dass Live Aid zum Prototyp einer neuen Form des Prominenten-Engagements geworden ist – mal ist es Richard Gere, der sich für Tibet einsetzt, mal sind es die Wohltätigkeitskonzerte für die Opfer des Tsunami. Live Aid hat den Popstar zum Gesprächspartner für die Politik gemacht: Nach den Konzerten von 1985 traf sich Geldof mit Margaret Thatcher und seiner Schilderung nach war er es, der dabei referierte, wie Äthiopien geholfen werden sollte.

Aber hat die Mobilisierung öffentlicher Meinung durch Prominente wirklich jene positive Rolle gespielt, die ihr zugeschrieben wird? Die Frage zu stellen, bedeutet bestimmt nicht, Geldof oder Live Aid zu dämonisieren. Es gibt auch keine Beweise, dass Live Aid nichts erreicht oder nur geschadet hätte. Aber es gibt gute Gründe zu dem Ergebnis zu kommen, dass die humanitäre Musikaktion Live Aid nicht nur Gutes getan hat – sondern auch Schaden angerichtet hat. Es ist eine Tatsache, dass Äthiopien eines der ärmsten Länder Afrikas geblieben ist, und dass es dem Afrika südlich der Sahara heute genauso schlecht oder gar schlechter geht als nach dem Live-Aid-Wirbel.

Keiner weiß, wie viele Menschen wirklich in Äthiopien während der Hungersnot der 80er Jahre starben. Schätzungen reichen von 300000 bis zu einer Million. Die Ursachen für die Hungerkatastrophe sind in den 70er Jahren zu suchen, aber trotz vieler Warnungen blieb Äthiopiens Krise im Laufe des folgenden Jahrzehnts vergessen. Hilferufe verhallten ungehört, bis zu Michael Buerks berühmtem BBC-Bericht und der Band Aid/Live Aid-Aktion, die darauf folgte. Plötzlich – so erzählen jedenfalls Hilfsorganisationen wie Oxfam die Geschichte – war der Bann gebrochen und Unterstützung auf den Weg gebracht.

Für Oxfam und Geldof hatte der Hunger keine politische Dimension. In Buerks Bericht war von einer Hungersnot „biblischen Ausmaßes“ die Rede. Der Hunger wurde so zu einer Heimsuchung, das Ergebnis uralter Armut und einer Dürre, für die die Natur, nicht der Mensch Verantwortung trug. Die damalige Rhetorik ähnelte in beklemmender Weise der nach dem Tsunami 2004. Der Tsunami war eine authentische Naturkatastrophe, auch wenn die Hilfsaktionen vielfach politisch instrumentalisiert wurden. Aber im Äthiopien des Jahres 1985 lag die Sache anders. Die dortige Hungerkatastrophe hatte drei Gründe, und nur einer von ihnen war naturgegeben: eine zweijährige Dürreperiode in der Subsahara. Für die anderen beiden waren Menschen verantwortlich: Zum einen die Vertreibung, eine Folge der Kriege der Zentralregierung in Addis Abeba gegen eritreische Guerillas und die Tigrean People’s Liberation Front. Der andere, schwerer wiegende, war die Zwangskollektivierung, brutal umgesetzt von Mengistu Haile Mariam und seinen Kollegen in der Dergue, dem Zentralkomitee, die Haile Selassie 1974 gestürzt hatten und den Kommunismus 1984 offiziell zur Landesideologie erklärten. Diese Kollektivierung entsprach in ihrer Radikalität der stalinistischen in der Ukraine der 1930er Jahren, wo das Ergebnis das gleiche war wie in Äthiopien: Hunger.

Es war diese Politik, die die westliche Hilfe, während sie Leben rettete, unwissentlich unterstützte. Nachdem sie vergeblich versucht hatten, eigenmächtig Hilfsleistungen durchzuführen, schleusten die Organisatoren von Band Aid/Live Aid Millionen über Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) ins Land. Die NGOs nahmen das Geld dankbar an, nicht zuletzt, weil es anders als offizielle Entwicklungshilfe westlicher Regierungen nicht zweckgebunden war. Oxfam nutzte das Geld sogar, um geheime Hilfssendungen in die von Rebellen kontrollierten Gebiete zu organisieren, auch wenn damals offziell keine NGO Nahrungsmittel ins Rebellengebiet schickte.

Man sollte die Leistung von Live Aid nicht in Frage stellen. Nach Einschätzung des Äthiopien-Experten Alex de Waal konnte durch die Hilfsleistungen die Zahl der Toten kleiner gehalten werden, zwischen einem Viertel und der Hälfte. Das Problem ist, dass sie im Gegenzug zu einer gleich hohen Zahl von Toten beigetragen haben. Denn die Wahrheit ist, dass die Umsiedlungspolitik der Dergue – 600000 Menschen wurden aus dem Norden vertrieben, drei Millionen „verdörflicht“ – zum Teil auch ein Militärfeldzug war, verkleidet als humanitäre Rettungsaktion und unterstützt von westlichen Hilfsgeldern.

Am Anfang wurden Freiwillige für einen Plan gesucht, der vorsah 100000 Menschen umzusiedeln. Kaum jemand meldete sich. Darauf folgte eine systematische Kampagne in den drei ausgewählten Provinzen. Alle so Eingesammelten wurden entweder in den Süden ausgeflogen oder über Land transportiert, manchmal in Fahrzeugen, die dafür von den Hilfsorganisationen beschlagnahmt wurden. Die Fahrt dauerte normalerweise fünf bis sechs Tage. Bis heute ist unklar, wie viele Menschen auf dem Weg ihr Leben ließen. Eine konservative Schätzung lautet 50000, Médecins Sans Frontières (MSF) spricht von der doppelten Zahl.

Als die Deportationen zunahmen, begannen äthiopische Offizielle, Flüchtlingslager und Nahrungsstützpunkte zu plündern, die von den Hilfsorganisationen aufgebaut worden waren. Das alles war zu dem Zeitpunkt kein Geheimnis. Doch die Geberländer und meisten Hilfsorganisationen ignorierten, was ablief. Die NGOs und die UN-Organisation – besonders Oxfam/Save the Children Alliance – verteidigten diese Haltung auch noch, als die USA Druck auf andere Geber ausübten, die Umsiedlungspolitik nicht zu unterstützen. Der Chef der UN-Entwicklungshilfe in Äthiopien protestierte gegen Amerikas „Politisierung“ der Umsiedlung. Geldof stellte sich an die Seite der NGOs: „Ich denke, wir sollten Hilfe leisten, ohne uns den Kopf über Bevölkerungstranfers zu zerbrechen“, sagte er am 4. November 1985 der „Irish Times“. Gefragt, was er zu den 100000 zu sagen habe, die bei der Umsiedlung umgekommen seien, antwortete er, dass ihn solche Zahlen im Zusammenhang mit einer solchen Hungerkatastrophe „nicht schockieren“.

Bis heute hat sich Oxfam nicht öffentlich von seiner Zusammenarbeit mit der Dergue distanziert. Zu mehr als Kritik an „Tempo, Umfang und Timing“ der Umsiedlungsmaßnahmen hat sich die Organisation nicht durchringen können.

Von allen NGOs entzog sich allein die französische Gründungssektion von MSF dem Konsens, mit der Dergue zusammenzuarbeiten. Kaum aus Äthiopien herausgeschmissen, waren sie jedoch frei, über die Zwangsumsiedlungen zu berichten. „Wir sind Zeugen der größten Deportation seit dem Völkermord der Khmer Rouge“, sagte der Präsident von MSF Claude Malhuret Ende 1985. Aus Sicht von MSF war die Entscheidung der Hilfsorganisationen, UN-Einrichtungen und Geberländern ein totalitäres Projekt wie die äthiopische Umsiedlungsprogramm zu unterstützen, eine Spielart tödlichen Mitleids.

Bob Geldof lässt der Gedanke kalt, dass die Gelder, die durch seine Mithilfe zusammenkamen, in einer Weise eingesetzt wurden, die genauso viele Leben gekostet hat – laut MSF sogar mehr – wie sie gerettet haben. Er hat sich nie damit auseinander gesetzt, ob die Vorwürfe von MSF richtig oder falsch sind. Aus seiner Sicht ist durch Live Aid schlicht sehr viel Geld zusammengekommen, mit dem Leute versorgt werden konnten, die sonst verhungert wären. Live Aid, sagte Geldof später einmal, war „fast perfekt in dem, was es erreicht hat“. In dem Zusammenhang von Fastperfektion das Thema der Umsiedlungen überhaupt anzusprechen, kann nur undankbar wirken.

Abgesehen von MSF haben weder die Hilfsorganisationen noch die UN noch Geldof je akzeptiert, dass das Mengistu-Regime Massenmord begangen hat im Zuge eines Umsiedlungsprogramms, für das Live-Aid-Gelder genutzt wurden und bei dem NGOs aktiv waren, die von Live Aid unterstützt wurden. Die Dergue kontrollierte das Programm und machte mit den UN und den NGOs das, was die Nazis einst mit dem Internationalen Roten Kreuz gemacht hatten: Sie wurden zu unwilligen Helfer.

Geldof hat verkündet, bei Live 8, das am kommenden Samstag auch in Berlin stattfindet, gehe es um „soziale Gerechtigkeit, nicht Wohltätigkeit“. Das ist Fortschritt verglichen mit den Einfältigkeiten, die bei Live Aid verkündet wurden. Aber ganz vorbei ist es mit den Einfältigkeiten noch nicht. Bei einer Pressekonferenz sagte Geldof, „die G8-Führer haben es in der Hand, den Lauf der Geschichte zu verändern“. Es wäre großartig, wenn es so einfach wäre, wie es eben auch großartig gewesen wäre, wenn die Wirkung von Live Aid vor Ort in Äthiopien einfach gewesen wäre oder ausschließlich positiv. Aber das stimmte damals nicht und heute, auch wenn die Dergue glücklicherweise verschwunden ist, stimmt es auch nicht.

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