Meinung : Wenn im Laden Schluss ist

Berlins neue Regelung ist ein Angebot, das sich hoffentlich von selbst regelt

Gerd Appenzeller

Wenn es die Politik nichts kostet, kann sie unglaublich schnell sein. Als erstes Bundesland hat Berlin die Ladenöffnungszeiten von Montag bis Sonnabend rund um die Uhr völlig freigegeben und dazu den Verkauf an bis zu zehn Sonntagen im Jahr zwischen 13 und 20 Uhr erlaubt. Die rot-rote Koalition hatte das Gesetz im Abgeordnetenhaus eingebracht, CDU und FDP stimmten ihm mehrheitlich ebenfalls zu, die Union freilich mit deutlichen Bedenken wegen der Öffnung an Sonntagen. Die Grünen lehnten die Novellierung des bestehenden Gesetzes ab.

Berlin kann sich also bereits in der Adventszeit als Einkaufsstadt über die bisherige Bedeutung hinaus profilieren. Der Blick auf die mögliche Ankurbelung des vorweihnachtlichen Tourismus war es denn auch, der die Parlamentarier zur Eile trieb. Die Rechnung könnte für diesen begrenzten Zeitraum durchaus aufgehen. Die Flüge nach Berlin sind günstig, die Hotellerie wird es auch freuen, und die Brandenburger müssen sich ja nur ins Auto setzen.

Der Untergang des Abendlandes wird, anders als manche Kritiker der Liberalisierung unter der Woche schwarz malend prophezeien, damit nicht eingeleitet. Kein Geschäftsmann öffnet seine Tore länger, wenn er nicht dadurch zusätzlichen Umsatz erzielt. Wenn das der Fall ist, werden Unternehmen und Arbeitsplätze stabilisiert, vielleicht sogar ausgeweitet. Dagegen kann niemand etwas haben. Lohnt sich der Aufwand nicht, wird man zum alten Rhythmus zurückkehren, so wie es jetzt schon außerhalb der zentralen Bereiche der Stadt geschehen ist. Am jeweils lokalen Handel liegt es, ob er durch entsprechende Werbung und attraktive Angebot zu den Gewinnern gehören könnte. Grundsätzlich gilt aber überall: Wenn die Menschen wenig Geld haben, können sie nicht mehr ausgeben.

Anders sieht es mit der Sonntagsregelung aus. Zwar werden auch hier Angebot und Nachfrage die Öffnungszeiten regeln, aber zumindest in der Adventszeit wird es künftig für viele Verkäuferinnen und Verkäufer kaum einen freien Sonntag mehr geben, denn Kunden kommen an diesen Tagen sicher. Das Verkaufspersonal wird sich auch nicht damit trösten lassen, dass in vielen Branchen jetzt schon am Sonntag gearbeitet wird.

Der rot-roten Koalition sind die kirchlichen Bedenken vermutlich so fern wie keiner anderen denkbaren politischen Konstellation in Berlin. Dass sie diese Sorgen aber nicht völlig außer Acht ließ, sieht man daran, dass die Geschäfte am Sonntag bis 13 Uhr geschlossen sein müssen. Die Gottesdienstzeit wird also beachtet.

Ob damit aber neben der vormittäglichen Arbeitsruhe die gesamte Bedeutung jener „seelischen Erhebung“ erfasst wird, die zu respektieren uns die Verfassung für den Sonntag aufträgt, ist fraglich. Zu keiner Zeit des Jahres gibt es mit Kindern ein intensiveres Familienleben als in den Weihnachtswochen. Das gilt auch da, wo die Geschichte vom Kind in der Krippe allenfalls als märchenbuchreif akzeptiert wird. Keinem, auch keinem Geschäftsmann, ist gedient, wenn Kinder einmal an „Weihnachten früher“ mit dem Satz zurückdenken: Das war die Zeit, wo die Eltern sonntags noch Zeit hatten.

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