Meinung : Wenn keiner Recht behält

Bilanz des Irakkriegs: Fast alles kam anders, als Befürworter und Gegner erwarteten

Christoph von Marschall

Welch eine Blamage für George W. Bush, Tony Blair und alle Befürworter des Irakkriegs. Der offizielle Kriegsgrund, Saddams Massenvernichtungswaffen, hat sich in Luft aufgelöst. Auch nach Monaten sind weder Waffen gefunden worden – außer alten Chemiegranaten, die schon ewig verbuddelt waren –, noch Belege, dass der Irak bis vor kurzem an solchen Programmen gearbeitet hat. Bush und Blair ist die Legitimation für einen Krieg abhanden gekommen, den sie gegen den Willen der UN und auch vieler Verbündeter geführt haben und dessen völkerrechtliche Legitimität schon unter der Annahme, dass Saddam diese Waffen hat, zweifelhaft war. Das ist eine schwere Hypothek.

Da ist es verständlich, wenn nun viele den Bush- und Blair-Gegnern Glauben schenken: Der Krieg sei mit einer bewussten Lüge vorbereitet worden, beide Regierungen hätten nur nach einem Vorwand für den lange geplanten Sturz Saddams gesucht und die Beweise für die Massenvernichtungswaffen manipuliert. Belege für diesen Vorwurf gibt es freilich bisher nicht.

Die Lage im Irak heute also ein Produkt aus Unrecht und Täuschung? So kann man es sehen. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Ob Lüge oder Irrtum, das ist ein großer Unterschied. Mit einem Irrtum wären Bush und Blair nicht alleine. Der Streit um den Krieg ging ja nicht darum, ob Saddam die Waffenprogramme hat oder nicht, sondern wie man der potenziellen Gefahr begegnet. Auch die Regierung Schröder nahm an, Saddam arbeite an Massenvernichtungswaffen, Frankreich sowieso. Wichtige Indizien für die vermuteten fahrbaren Biowaffen-Labors stammten aus BND-Quellen, wie deutsche Politiker voll Stolz berichteten. Gestritten wurde, ob man die UN-Kontrollen fortsetzt, was Deutschland wollte und Amerika angesichts der Hinhaltepolitik Saddams für sinnlos hielt, oder die im UN-Sicherheitsrat beschlossene Interventionsdrohung wahr macht.

Zweitens ist es doch sehr die Frage, ob der Krieg die Situation im Irak und die internationale Sicherheitslage alles in allem verschlechtert hat. Unbestreitbar haben die Amerikaner (weniger die Briten im Raum Basra) große Probleme mit der Sicherheit und dem Widerstand; der Irak ist von Stabilisierung und Selbstverwaltung noch weit entfernt. Doch müssen dort heute weit weniger Menschen sterben oder unter Drangsalierung leiden als zu Saddams Zeiten, trotz Krieg und Anschlägen. Zudem bestehen nun Aussichten, dass so genannte Schurkenstaaten ihren Drang nach Massenvernichtungswaffen aufgeben: Libyen, Iran, sogar Nordkorea. Und viele Staaten haben ihre klammheimliche Unterstützung des Terrors überdacht.

So ist Irak vor allem ein Beispiel, wie sehr sich Kriegsbefürworter wie -gegner in ihren Prognosen geirrt haben. Bei Bush und Blair ist das offensichtlich. Doch es gilt auch für die Gegner, nur wird da nicht so genau nachgefragt, sie haben ja auch keinen Krieg zu verantworten. Lehren sollten auch sie aus ihren Vorhersagen ziehen, darunter Mitglieder der Bundesregierung: Der Krieg werde hunderttausende Tote kosten, riesige Flüchtlingsströme auslösen, den Ölpreis in schwindelnde Höhen treiben, Aufstände in den Nachbarstaaten provozieren, die ganze Region destabilisieren, den Nahostkonflikt verschärfen, weltweit Aufrüstung provozieren?

Es geht nicht ums Aufrechnen. Sondern um die alte Weisheit, dass Kriege nicht planbar sind, nicht ihr Verlauf, nicht ihre Folgen. Weshalb es eine schwere Verantwortung bedeutet, sie zu beginnen. Es ist nur gerecht, dass Bush und Blair sich rechtfertigen müssen. Sie werden sich nicht so rasch auf eine neue Intervention einlassen. Die Welt aber darf aufatmen, der falsche Krieg hat auch Richtiges bewirkt. Auf die Weisheit der Weltgeschichte ist mehr Verlass als auf Versuche des Menschen, die Welt zu verbessern.

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