Meinung : Wenn Wale wählen könnten

Das Walfangmoratorium ist überholt

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Alexander S. Kekulé Dieser Tage treffen sich die Champions wieder zum Showdown: Auf der Jahrestagung der Internationalen Walfangkonferenz (IWC) im südkoreanischen Ulsan streiten Walschützer und Walfängernationen um Quoten, Kontrollen und Schutzgebiete. Herauskommen wird nichts Gutes – die Jäger der singenden Säuger werden ihr übles Schlächterimage behalten, die Gejagten werden weiter qualvoll sterben.

Eigentlich sah es ganz gut für die Zukunft der Wale aus, damals, 1986: Nach dramatischen Warnungen der Tierschützer, die Giganten der Meere könnten bald aussterben, wurde die jahrtausendealte Tradition des Walfangs weltweit verboten. Doch Japan jagte unverdrossen weiter. Über 8000 Großwale soll der Inselstaat seit Beginn des Moratoriums erlegt haben. Da mochten auch Norwegen und Island nicht länger die Harpunen still halten – schließlich hätten die dort beheimateten Wikinger den Walfang einst erfunden.

Heute legen die drei meeresbiologischen Schurkenstaaten nach eigenem Ermessen jährliche „Fangquoten“ fest, die zusammen bei etwa 1400 Zwergwalen, 10 Pott-, 50 Brydes- und 50 Seiwalen liegen. Rechtliche Schlupflöcher machen es den hochgerüsteten Fangflotten leicht, das Moratorium zu umschiffen: So deklariert Japan den Einsatz seiner schwimmenden Fabriken, auf denen das Fleisch sofort für den Handel portioniert und tiefgefroren wird, dreist als „Forschung“, die ausgerechnet dem Artenschutz dienen soll. Das Fleisch der bis zu 50 Tonnen schweren Meeressäuger ernährt nicht etwa hungernde Küstendörfer, sondern landet als Delikatesse in Feinkostläden – in Japan kostet das Kilo bis zu 300 Euro.

Dass den Walschützern dabei die Harpune in der Tasche losgeht, ist nur zu verständlich. Doch haben ihre harten Forderungen nach an null grenzenden Fangquoten auch dazu beigetragen, dass das überholte Moratorium von 1986 nicht reformiert wird. Ein artgerechter Bewirtschaftungsplan für nicht vom Aussterben bedrohte Großwale, der das totale Jagdverbot ersetzen soll, ist so weiterhin nicht in Sicht. Dabei wäre ein konzertiertes Vorgehen der IWC nötig, um den Walen zu helfen. Da „Wissenschaft“ nicht unter das Moratorium fällt, gelten weder Quoten noch Kontrollvorschriften. Nach dem ersten Schuss aus der Explosivharpune leiden die intelligenten Tiere in einem bis zu einstündigen Todeskampf. Die IWC-Empfehlung, in diesen Fällen nochmals mit der Explosivharpune auf den Kopf zu schießen, wird wegen der Zerstörung des beliebten Kopffleisches kaum befolgt.

Auch die genetische Registrierung legaler Fänge, die Japan zur Kontrolle von Thunfisch bereits einsetzt, könnte die illegale Jagd auf Wale eindämmen. Dazu müsste die IWC verbindliche Maßnahmen beschließen, um zu verhindern, dass Großwale sich als „Beifang“ in Fischernetzen verfangen – in der gewöhnlichen Fischerei kommen weit mehr Wale um als in den offiziellen Fangprogrammen.

Dass der diesjährige Schaukampf des IWC in Ulsan den Durchbruch bringen wird, darf bezweifelt werden, zumal der Ort der Tagung für Wale ein schlechtes Omen hat: In Südkorea wurden kürzlich steinzeitliche Darstellungen des Walfanges gefunden, der wohl hier – und nicht bei den Wikingern – vor 8000 Jahren seinen Ursprung hatte. Heute noch verbraucht Südkorea jährlich etwa 150 Tonnen Walfleisch aus angeblichen Beifängen und Schwarzimporten – 80 Prozent davon werden ausgerechnet in Ulsan verspeist.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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