Meinung : Wer arbeitet schon 35 Stunden?

In Ostdeutschland streikt die IG Metall für ein überholtes Ziel

Alfons Frese

Warum arbeiten die Opel-Leute in Rüsselsheim 35 und in Eisenach 38 Stunden? Und ist es gerecht, dass ein Werftarbeiter in Wolgast – übers ganze Jahr gesehen – rund einen Monat länger Schiffe baut als sein Kollege in Papenburg? Der Tariflohn in der Metallindustrie ist schon seit Jahren für Ossis und Wessis identisch. Doch der Ossi arbeitet länger. Die IG Metall will das jetzt für rund 300 000 Arbeitnehmer ändern und die „Gerechtigkeitslücke“ schließen. „Wir lassen uns 13 Jahre nach der Einheit nicht länger hinhalten“, sagt der designierte IG-Metall-Chef Jürgen Peters. Und auf geht’s in den Streik. Bei VW in Sachsen, Opel in Thüringen und Mercedes in Brandenburg gibt es diese Woche Warnstreiks. Die Arbeitgeber sollen gewarnt werden: Wenn ihr euch nicht bewegt, dann machen wir einen richtigen Arbeitskampf.

Dass vor allem in den Autofabriken die Arbeit niedergelegt wird, ist nahe liegend. Hier hat die IG Metall ihre meisten Mitglieder und hier ist der Unmut über die längere Arbeitszeit am größten. Die VW-Fabrik in Mosel bei Zwickau zum Beispiel ist produktiver als das Stammwerk in Wolfsburg. Es leuchtet ein, dass die sächsischen VWler mindestens so behandelt werden wollen wie die niedersächsischen. Was das Geld und was die Arbeitszeit betrifft: Sie haben sich die Angleichung an den Westen verdient.

Und die anderen? Die Bandbreite der betrieblichen Leistungsfähigkeit ist im Osten doppelt so groß wie im Westen; es gibt Firmen, die glänzend verdienen und Firmen, die so gut wie tot sind. Mit einem Flächentarifvertrag, der für alle gilt, kann man diese Bandbreite nicht einfangen. Das weiß auch die IG Metall und hat deshalb den Arbeitgebern ein Friedensangebot gemacht. Eine Arbeitszeitverkürzung in drei Geschwindigkeiten: Am schnellsten marschieren die Großbetriebe Richtung 35, dann folgt das Hauptfeld und schließlich die fußkranken Firmen. Der Vorschlag ist gut und wird von den Arbeitgebern kaum abgelehnt werden können. Zu klären ist nur, wann die einzelnen Gruppen die Zielmarke 35 erreichen. Vor 2010 wird das kaum für alle möglich sein. Aber dann wäre die IG Metall endlich am Ziel eines langen Weges, der 1977 im Westen begann. Ob sich der Aufwand am Ende gelohnt hat?

Im Schnitt arbeitet jeder Arbeitnehmer hier zu Lande 44 Stunden. Während die tariflichen Zeiten immer kürzer wurden, malochen die Leute tatsächlich immer länger. Faktisch ist die 35-Stunden-Woche tot. In zigtausenden betrieblichen Bündnissen für Arbeit ist - mit Billigung der IG Metall - die Arbeitszeit erhöht worden. Und die enormen Überstunden zeigen, wie die Wirklichkeit aussieht: 35 Stunden sind eher die Ausnahme.

Eine kollektive Arbeitszeitregelung passt nicht mehr in die Zeit. Vielmehr ist ein ganzer Strauß von Arbeitszeiten erforderlich, um die differenzierten Interessen von Betrieben und Beschäftigten abzubilden. Statt 35 für alle sind Lösungen gefragt, die kürzere Arbeit für Schichtarbeiter und längere für Entwicklungsingenieure ermöglichen; junge Leute und Hochqualifizierte sollten länger arbeiten als ältere Beschäftigte und Hilfskräfte. Um die 35-Stunden-Woche-Ost kämpft die IG Metall einen der letzten Kämpfe für kollektives Recht. Was wohl die Arbeitnehmer wählen würden, wenn sie die Alternative Geld oder Freizeit hätten?

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