Meinung : „Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod“

André Anwar

So recht wissen die Dänen nicht, was sie von Knud Romer halten sollen. Der TV-Star und Werbeexperte schildert in seinem Erstlingswerk den „Tyskerhad“, den Deutschenhass, den er und seine deutsche Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg im idyllischen Ort Nyköbing erdulden mussten. Während viele ihm glauben und seine Erzählung als Beitrag zur Aufarbeitung dänischer Ungerechtigkeiten ansehen, halten Kritiker das Werk für frei erfunden.

Unter dem Titel „Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod“, zählt Romer zahlreiche erniedrigende Erlebnisse auf. So der Besuch mit der Mutter beim Kleinstadtbäcker: Weil sie Deutsche waren, sollen sie nur vergammeltes Brot und saure Milch bekommen haben, und das zum doppelten Preis. Selbst die antifaschistische Gesinnung der Mutter soll die Nachbarn nicht davon abgehalten haben, sie mit „Hitlerweib“ zu beschimpfen. Romer versäumt es auch nicht, die Namen seiner Lehrer, Nachbarn und Bekannten preiszugeben.

Das Buch hat mehrere Preise gewonnen und verkauft sich hervorragend. Für seine Kritiker, darunter auch die im Buch genannten wirklichen Personen, ist das ganze jedoch nichts als ein schlechter Werbegag. „Knud wurde nicht unterdrückt. Er hatte Freunde und war ein selbstsicherer Knabe“, sagt einer der Schulfreunde. Lehrer und Bekannte schließen sich in offenen Briefen an. Romer selbst bezeichnete sein Buch anfangs noch als frei erfunden. Bei zunehmendem Interesse der Medien ging er jedoch dazu über, es als Tatsachenbericht zu bezeichnen.

Ein weiteres Problem für die Glaubwürdigkeit des Autors sei dessen Alter, sagen die Kritiker. Romer wurde 1960 geboren, 15 Jahre nach dem Weltkrieg. Glaubt man seiner Novelle, sollen die Verhältnisse für Deutschstämmige aber bis weit in die 70er Jahre skandalös gewesen sein. Viele ältere Dänen, aber auch Deutsche bezweifeln das. „Für das, was er erlebt haben soll, hätte er mindestens zehn Jahre früher auf die Welt kommen müssen“, so eine dänische Journalistin.

Unabhängig vom Wahrheitsgehalt: Verlage in sieben Ländern, darunter auch der deutsche Suhrkamp Verlag, haben die Rechte bereits erworben. Und obwohl Romers Frau ihm verboten haben soll, Schriftsteller zu werden – das sei schlecht für das seelische Gleichgewicht –, hat Romer schon den nächsten Roman angekündigt. Dabei soll es um die Familie seiner Frau gehen. Ob diese auch unter dem „Deutschenhass“ gelitten hat, ist bislang unklar.

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