Meinung : Wer das Fegefeuer sucht

Horst Köhlers erstaunliche Einlassungen

Tissy Bruns

Wer aus der großen, weiten Welt nach Hause kommt, muss sein Deutschland erst wieder kennen lernen. Stürmt Horst Köhler deshalb im Kurzstreckentempo durch die deutsche Öffentlichkeit? Wohl kaum. Der Kandidat und seine Berater verspüren vielmehr einen mächtigen Druck, eine schnelle Antwort auf die Frage zu geben, die nicht nur der Boulevard gestellt hat: Horst Wer? Und das ist dumm.

Denn hier gilt: entweder – oder. Entweder ist es möglich, dass unter den deutschen Eliten Männer und Frauen aufgrund ihrer Lebensleistung präsidiabel sind, obwohl sie der großen Öffentlichkeit nicht bekannt sind – oder man beugt sich dem Verdikt, dass Bundespräsident nur werden kann, wer in den Charts schon ganz weit oben ist. Beides auf einen Streich – ein im März unbekannter Kandidat, der bis Mai zum Volkshelden avanciert – ist in der Politik nicht zu haben. Köhlers Einlassung zur Kanzlerkandidatenfrage der Union zeigt vielmehr, dass schon der Versuch strafbar ist.

Hat er, kann er, darf er noch? Köhler hat in einigen Medien interessante Interviews gegeben. Aber jetzt wird nur noch darüber diskutiert, ob da einer sein Amt schon überstrapaziert, bevor er es überhaupt angetreten hat. Tragikomisch der Effekt, dass Köhler den größten Aufruhr im eigenen Lager ausgelöst hat, zwischen CDU und CSU, die sich doch nur mit Ach und Weh auf ihn als Kandidaten geeinigt haben. Köhlers Versuch, sich vor 200 CDU-Kreisvorsitzenden als überparteilicher Kandidat vorzustellen und gleichzeitig in die Herzen des Publikums einzuschmeicheln, konnte nur schief gehen: Auf Reformen würde er nicht nur jetzt, gegenüber einem SPD-Kanzler dringen, sondern auch dann, wenn „hoffentlich“ jemand von der CDU, nämlich Frau Merkel, Kanzlerin sei.

Ein hübscher Tritt ins Fettnäpfchen. Und am ärgerlichsten ist er wohl für Angela Merkel, die verdruckst wie ihr Generalsekretär Laurenz Meyer kommentierte, Köhler habe hier seine Überparteilichkeit gezeigt. Aus der CSU tönt Spott, wobei der über Köhlers „prophetische Gaben“ noch harmlos ist. In Wahrheit dürfte sich in München der eine oder der andere die Hände reiben, während in Merkels Umgebung die Alarmglocken läuten. Denn Schäuble hin, Köhler her: für Angela Merkel ist und bleibt das allerwichtigste Qualitätsmerkmal des Kandidaten, dass er von der schwarz-gelben Mehrheit in der Bundesversammlung gewählt wird. Wenn aber Köhler dem einen oder anderen aus der CSU (und der CDU) den inneren Vorwand liefert, ihn nicht zu wählen, dann hätte Merkels ganzes taktisches Geschick nichts genützt.

Die Öffentlichkeit ist ein Fegefeuer, und niemand sollte sich einbilden, ohne Erfahrung darin zu bestehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar