Meinung : „Wer das Rauschen …

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… der Blätter fürchtet, geht nicht in den Wald.“

Er hat ein Gespür für Symbole. In weißer Häftlingskleidung am frühen Abend aus dem Zentralgefängnis in Kairo entlassen, wollte der Parlamentsabgeordnete und Parteivorsitzende Ayman Nur sich nicht umziehen. Er lief zu Fuß direkt zu seinem nahe gelegenen Wahlbezirk Bab al Sharia, einem einfachen Altstadtviertel kleiner Leute, und ließ sich dort von der Menge feiern. Ein Mann des Volkes, der die harte Hand des Regimes am eigenen Leibe gespürt hat: Mit diesem Image will der 40Jährige Ägyptens Präsidenten Hosni Mubarak oder dessen Sohn Gamal bei den Wahlen im Herbst herausfordern.

Der ehemalige Journalist und Anwalt hatte in der ersten Ausgabe der Wochenzeitung seiner Partei, am vergangenen Mittwoch, seine Kandidatur aus dem Gefängnis heraus angekündigt. Ob er kandidieren darf, ist noch offen. Denn der Vorsitzende der neugegründeten Partei „Al Ghad“ (Morgen) war nach fast sechs Wochen Haft gegen Kaution freigelassen worden. Das Verfahren gegen ihn wegen angeblicher Unterschriftenfälschung geht aber weiter. Nur sieht in den Vorwürfen eine politische Kampagne, die seinen Ruf schädigen soll. Rechtsexperten bezweifeln, dass Nur kandidieren darf, falls weiterhin gegen ihn ermittelt wird.

Nur ist in Ägypten kein Unbekannter. Als jüngster Abgeordneter zog er 1995 mit 30 Jahren erstmals ins Parlament ein, mit Billigung der Regierungspartei NDP. Später überwarf er sich mit der oppositionellen Wafd-Partei, weil er deren Vorsitzenden herausgefordert hatte. Er gründete eine soziale Stiftung, die den Bedürftigen in der Kairoer Altstadt medizinische Hilfe zukommen lässt, Renten bezahlt und bei der Jobsuche hilft. Damit hat er sich eine populäre Basis geschaffen, wie es sonst nur den verbotenen Muslimbrüdern gelungen ist. Im dritten Anlauf wurde im Oktober 2004 überraschend seine Al-Ghad-Partei zugelassen, die sich politischem Liberalismus und Demokratisierung verschrieben hat. Sie verfügt im Parlament über sieben Abgeordnete. Von einigen als wahrer Demokrat bejubelt, bezeichnen ihn andere als „trickreichen Opportunisten“.

Internationalen Ruhm und den Aufstieg zum Symbol der ägyptischen Demokratiebewegung verdankt Nur der amerikanischen und westlichen Intervention, die auf eine Demokratisierung der Region drängt. US-Außenministerin Condoleezza Rice hatte sich beim ägyptischen Außenminister in Washington kürzlich ungewöhnlich harsch für Nur eingesetzt und möglicherweise einen Besuch in Kairo abgesagt, weil der Abgeordnete noch immer in Haft war.

Wie groß der Rückhalt der neuen Partei in der Bevölkerung ist, weiß niemand. Klare Worte und ihre Unerschrockenheit heben sich bisher jedoch deutlich von dem Politspiel der übrigen verknöcherten Oppositionsparteien ab. Der Politikprofessor der Universität Kairo, Mustafa Kamel Sayed schätzt, dass Nur bis zu 30 Prozent der Stimmen bei der Präsidentschaftswahl gewinnen könnte – wenn er denn antreten darf.

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