Meinung : Wer die Bombe liebt

Libyen und Iran zeigen: Gefährliche Waffentechnologie ist einfach zu beschaffen

Clemens Wergin

Seitdem Libyens Staatschef Muammar al Gaddafi seinen Verzicht auf Massenvernichtungswaffen angekündigt hat, ist einiges in Bewegung. Nordkorea lässt eine US-Delegation zu seinen Atomanlagen und will erneut verhandeln. Iran hat vorher schon das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet. Und auch Syrien gerät immer mehr unter Druck.

Mit dem wachsenden Wissen über jene Waffenprogramme werden die Probleme deutlicher, die die Weltgemeinschaft in Zukunft erwarten. So scheint es leichter zu sein als bisher angenommen, sich auf dem Schwarzmarkt Pläne, Geräte und Substanzen zu beschaffen, um Massenvernichtungswaffen herzustellen. Syriens Präsident Baschar al Assad hat gerade gegenüber dem „Daily Telegraph“ indirekt eingestanden, dass Syrien solche Waffen besitzt – wahrscheinlich chemische, vielleicht biologische. Und er fügte hinzu: „Es ist nicht schwer, die meisten dieser Waffen irgendwo in der Welt zu bekommen und sie sind jederzeit erhältlich.“

Mit den Entdeckungen im Iran und ersten Untersuchungsergebnissen in Libyen wird immer deutlicher, dass Pakistan die Spinne im weit verzweigten Netz zum Bau von illegalen Atombomben ist. Der pakistanische Atomwissenschaftler Abdul Qadir Khan hat Mitte der 70er Pläne zum Bau von Urananreicherungsanlagen aus einem holländischen Betrieb gestohlen – unter anderem von einem deutschen Zentrifugendesign. Das war der Beginn des pakistanischen Atomprojekts, das mit dem ersten Atombombentest von 1998 an sein Ziel kam. Und es war der Anfang eines Know-how-Transfers an eine illustre Schar von Schurkenstaaten in aller Welt. Die Nordkoreaner tauschten ihre Raketentechnologie gegen pakistanische Nukleartechnik. Und offenbar profitierten auch Iran und Libyen von dem Wissen pakistanischer Forscher. Die „New York Times“ kam gar in Besitz eines pakistanischen Werbeprospektes für den Export von Atomtechnologie. Pakistan bestreitet, es habe sich dabei um Regierungspolitik gehandelt. Aber je mehr Indizien auftauchen, desto weicher werden die Dementis aus Islamabad.

Die Zugeständnisse Libyens wie die Enthüllungen über das Atomprogramm Irans sind auch eine Ohrfeige für die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO). Die hat von 18 Jahren Atomforschung im Iran so wenig mitbekommen wie vom Nuklearprogramm Saddam Husseins und Libyens Versuchen, solche Technologie einzukaufen. Offenbar verfügt die Weltgemeinschaft nicht über die richtigen Instrumente, um den zunehmenden Wissenstransfer bei Massenvernichtungswaffen zu unterbinden. Zumal sich Problemstaaten zunehmend vernetzen. So hat Gaddafi wohl von Nordkorea und Iran auch Hilfe zur Entwicklung von Raketentechnik bekommen – Informationen, die Nordkorea zuvor schon an Iran weitergereicht hatte. Unter Schurken hilft man sich aus.

Mohammed al Baradei, der Direktor der IAEO, schätzt, dass 35 bis 40 Staaten heute das Wissen besitzen, um eine Atombombe zu bauen. Doch die langen Entwicklungszeiten für das iranische wie auch das pakistanische Programm zeigen, dass eine Nation auch heute noch viel Zeit, große Mengen an Geld und viele Forscher einsetzen muss, um dieses Wissen tatsächlich zu einer Bombe zu formen. Libyens Programm schien noch so in den Anfängen zu stecken, dass Gaddafi weitere hohe Investitionen scheute.

Ohne die Intervention von Briten und Amerikanern im Irak wäre es wohl weder zu den iranischen noch den libyschen Zugeständnissen gekommen. Wer die Welt sicherer machen möchte, muss diese politische Dynamik jetzt nutzen. Und das heißt: Eine Politik der Härte gegenüber all denen, die Massenvernichtungswaffen weiterverbreiten oder versuchen, sie zu entwickeln. Und eine ausgestreckte Hand für all jene, die sich wirksamen Kontrollen unterwerfen – neuen, nicht den lückenhaften alten.

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