Meinung : Wer hat Angst vorm kleinen Mann?

NAME

Von Bernd Ulrich

Gerhard Schröder ist Vorsitzender der SPD und gilt daher schon qua Amt als Anwalt der kleinen Leute. Um das zu kompensieren, erklärte sich Edmund Stoiber im Gegenzug zum Anwalt der noch kleineren Leute. Gabi Zimmer, der Vorfrau der PDS, bleibt da nichts anderes übrig, als die Anwältin der allerkleinsten Leute zu sein. Schön und gut, aber: Hat Deutschland überhaupt so viele kleine Leute, dass es für drei sozialistische Parteien reichen könnte? Natürlich nicht. Es gibt hier, schlimm genug, einige Millionen Menschen, denen es richtig schlecht geht, die man sogar als arm bezeichnen muss. Es gibt die vier Millionen Arbeitslosen und viele Menschen, die zwar weder arm sind noch arbeitslos, die aber jeden Cent umdrehen müssen.

Doch sind diejenigen, die früher als durchgängig kleine Leute galten, die Rentner und die Arbeiter, das zumeist nicht mehr. Sie verfügen über ordentliche Einkommen, zahlen oft geringe Mieten, sind häufig Hauseigentümer. Nein, mit den wirklich kleinen Leuten lässt sich in einem der reichsten und zugleich sozial ausgewogensten Ländern dieser Erde gewiss keine Wahl gewinnen, dafür sind sie zu wenige. Warum schwingen sich dann Schröder und noch mehr Stoiber zu Anwälten dieser Minderheit auf? Weil der „kleine Mann“ die Pose ist, in die sich die breite Mehrheit der wohlsituierten Deutschen wirft, wenn sie Zumutungen auf sich zukommen sieht. Dann trägt der Deutsche wieder Hungerödem, dann verwandeln sich fast 70 Millionen selbstbewusste Bürger in eine allein erziehende Krankenschwester, die in Wechselschicht ihre Kinder durchbringt, und das im doppelt darbenden Ostdeutschland. Wenn sich also Schröder und mehr noch Stoiber als Anwälte der kleinen Leute aufführen, so dürfen sich die kleinen Leute davon nicht viel erhoffen. Sie sind nicht gemeint. Vielmehr soll der Mehrheit der Starken signalisiert werden: Wir akzeptieren eure Bettler&Balsamico-Nummer, wir werden nichts tun, was euch wehtut, und da wir wissen, dass euch alles wehtut, werden wir nichts tun. Wenn man die Deutschen so anspricht, kommt immer wieder die scheinheilig beklagte Reformblockade heraus.

Diese Art von Wahlkampf ist bigott, fettklebrig, sie ist auch, wenn man es ernst nimmt, unmoralisch. Ist sie vielleicht trotzdem politisch klug, weil sich nur so Wahlen gewinnen lassen? Die Antwort darauf kennt nur der 22. September. Doch sicher ist es auch möglich, die Mut- und Stärke-Seite der Deutschen anzusprechen. Zumal man ihnen schon seit Jahren die Litanei der Erneuerung vorbetet. Und weil die Krisensymptome noch nie so sehr Gemeingut waren wie jetzt: Pisa, Wachstum, Arbeitslose, Sozialsysteme.

Ausgerechnet die in der Regierung selber mutlos gewordene SPD scheint diese Wette auf den mutigen Bürger nun eingehen zu wollen. Sie hat den Bericht der Hartz-Kommission zum Gesslerhut der Modernisierung erklärt. Sogar die meisten Gewerkschaftsführer halten still. Dabei kommt es auf die einzelnen Vorschläge gar nicht so an. Wichtig ist das Signal, das mit der Verwandlung von Arbeitslosen in Leiharbeiter gegeben wird. Es lautet: Mehr fordern beim Fördern. Und es ist kein Zufall, dass „Fordern und Fördern“ auch die Schlüsselbegriffe in der Pisa-Debatte sind. Arbeitslose, Schüler, am Ende alle, sollen zu ihren Stärken provoziert werden. Wobei Fordern und Fördern eben nicht mehr als Gegensatz gesehen werden. In diesem Verständnis gehört es zum Respekt vor dem anderen, etwas von ihm zu fordern, auch und gerade dann, wenn er schwach ist.

Es geht um eine unverweichlichte und unverstaatlichte Nächstenliebe. Das ist der kulturelle Sprung, der in der Hartz-Kommission verborgen liegen könnte. Insofern ist es schon ein kleines Drama, dass eine christliche Partei sich mit aller Kraft dagegen zu stemmen scheint. Im Moment ist die Union die schlechtere Sozialdemokratie. Sie hat auch eine Wette auf den 22. September abgeschlossen, eine sehr pessimistische.

N 1, 2 UND 18

0 Kommentare

Neuester Kommentar