Meinung : Wer knipst das Licht an?

Die große Koalition wird runtergeschrieben, bevor sie überhaupt steht

Bernd Ulrich

Ich muss hier schon zu den Letzten gehören, die das Licht ausmachen.“ Das sagte kürzlich Mathias Döpfner. Mit diesem „hier“ meinte er allerdings nicht den Springer-Konzern, an dessen Spitze er steht, sondern etwas noch größeres: Deutschland nämlich. So schlecht geht es dem Land, dass hier in den nächsten zwanzig Jahren von den letzten verbliebenen Leistungsträgern das Licht ausgemacht werden muss? Am vergangenen Freitag titelte die „taz“ so: „Gescheitert und verbraucht: Münteferings Ministerriege steht.“ Daneben wird ein Interview mit dem Historiker Hans-Ulrich Wehler angekündigt, der schon weiß: „Die große Koalition wird zu einer einzigen Blockade führen.“

Früher war es üblich, einer Regierung nach ihrem Amtsantritt hundert Tage Zeit zu geben, bis man mit der Grundsatzkritik begann. Heute fangen viele damit schon hundert Tage vor Amtsantritt an. Darf man darauf hinweisen, dass die Koalitionsverhandlungen noch nicht mal begonnen haben? Und wenn das SPD-Kabinett auch das letzte Aufgebot der Partei sein mag, so ist es doch beileibe nicht das schlechteste.

Wie die große Koalition werden wird, das können wir in Wahrheit noch nicht genau wissen. Eines jedoch darf man bereits heute voraussagen: Wenn sich die Meinungsmacher von der linken „taz“ bis zum Springer-Konzern zu einer großen Koalition des Pessimismus zusammenfinden, dann kann es durchaus gelingen, die Politik und das Land so weit runterzureden, dass Mathias Döpfner und die „taz“-Chefin irgendwann als Letzte das Licht ausmachen können, mit dem gemeinschaftlich ausgestoßenen Seufzer: „Haben wir es nicht gleich gesagt?!“

Kein Zweifel, das Land ist seit längerem in einer ernsten Krise. Kein Zweifel auch, dass allmählich mehr geschehen muss als bisher, damit sich das Blatt wendet. Kein Zweifel schließlich, dass die Politik dazu ihren Beitrag leisten muss. Dennoch ist ganz offenkundig, dass eine noch so große Koalition, die noch so viele Reformen verabschiedet, wenig erreichen wird, wenn sich nicht auch die Stimmung ändert. Und wer ist für die Stimmung verantwortlich? Die Politik allenfalls zur Hälfte. Das andere machen die Medien schon selber.

Natürlich kann niemand einen Gute-Laune-Journalismus einfordern, und Kritik ist nicht bloß erlaubt, sondern Pflicht. Es hat sich allerdings in den letzten fünfzehn Jahren eine Gewohnheit der Vergeblichkeit, mitunter eine wahre Frustrations- und Destruktionslust herausgebildet, die sicher nicht zu den Pflichten der Medien gehört. Ein Grund dafür liegt in der scheinbar unüberwindbaren Krise des Landes selber. Zu vieles wurde begonnen, was dann zu wenig brachte. Für manches hat man sich erwärmt, das dann zu Asche zerfiel. Doch handelt es sich nicht allein um enttäuschten Idealismus, der nun zu einer solchen Ausbreitung des Das-geht-schief-Journalismus führt. Es steckt auch ein Kalkül dahinter. Für eine Weile kann man einigen publizistischen Gewinn daraus ziehen, sich an die Spitze der Politikverdrossenheit zu stellen, dem Leser und Zuschauer zuzurufen: Wir finden die Politiker genauso Scheiße wie ihr, aber wir können es noch viel besser ausdrücken! Auf die Dauer zerstört das natürlich die Nahrungsgrundlage des politischen Journalismus und: Es drückt die Stimmung ungemein.

Es wäre naiv, wollte man verlangen, dass in den Medien der Möglichkeitssinn eine größere Rolle spielen soll. Aber auf ein paar alte Regeln des Handwerks werden wir uns noch mal einigen können: Keine politischen Todesurteile vor der Geburt einer neuen Regierung. Und überhaupt, das hat der Wahlkampf uns alle gelehrt: Keine Ereignisse abschließend beurteilen, bevor sie eingetreten sind. Geht das? Und hundert Stunden Schonzeit für Schwarz-Rot vielleicht auch noch? Eine kleine Chance für M&M?

Denn wir wollen doch alle, dass die Lage nicht so schlimm wird, wie wir uns jetzt schon fühlen.

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