Meinung : Wer nicht denkt, bleibt dumm

Die Ideen der SPD zur Schulpolitik mögen unausgegoren sein – aber sie treiben die Debatte voran

Gerd Appenzeller

Der Deutsche Kindergartenverband hat noch nicht protestiert – aber nur deshalb, weil es ihn nicht gibt. Würde die Idee einer Schulpflicht für Dreijährige Wirklichkeit, gäbe es bald keine Kindergärten mehr. Sind die verrückt geworden, die Sozis, könnte man mit Asterix fragen.

Auf den ersten Blick klingt auch wirklich abenteuerlich, was Regierungsberater Karl Lauterbach vor der SPD-Spitze an Reformideen für das Schulsystem entwickelte: verpflichtende Ganztagsvorschulen für Drei- bis Sechsjährige, Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems zugunsten einer Gesamtschule, die die ersten zehn Schuljahre umfasst. Da könnte man auch über die Gefahren des Tabaks informieren und über gesunde Ernährung, alle Erkenntnisse aus den Pisa-Studien berücksichtigen und am Ende würden die Frauen sogar wieder Lust auf mehr Kinder bekommen.

Nun ist es kein Wunder, dass die SPD just in dem Moment über die Umkrempelung des Bildungssystems nachdenkt, in dem ihr die Macht in den Ländern zu entgleiten droht. In Nordrhein-Westfalen steht die letzte rot-grüne Koalition auf Landesebene auf der Kippe. Nur in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz amtieren noch sozialdemokratische Regierungschefs. Bildung aber ist Ländersache und eine Reform wie die von Karl Lauterbach angeregte kostet etwa 20 Milliarden Euro – Geld, das die Ländern nicht haben, von dem man aber viel leichter reden kann, wenn man die Pläne nicht selbst umsetzen muss. Und in der Opposition träumte es sich eben schon immer besser.

Dennoch hält sich der Chor der Empörung über das der SPD präsentierte neue Schulbild in Grenzen. Das hängt nicht mit fehlender Aufmerksamkeit der anderen Parteien zusammen, sondern mit der gruppenübergreifenden Erkenntnis, dass das deutsche Schulsystem tatsächlich reformiert werden muss. Vorschulerziehung ist vor allem wichtig, weil Sprachrückstände der Kleinen aufgeholt werden müssen. Das unterscheidet die desolate deutsche von der offenkundig vorbildlichen Situation an den skandinavischen Schulen eben auch: Die haben nicht nur kleinere Klassen, mehr Lehrer und intensivere Individualbetreuung, sondern auch kein Sprachproblem bei der Einschulung, weil es in den skandinavischen Ländern keine bildungsfernen ethnischen Minderheiten gibt.

Ohne die deutschen Probleme, aber mit den finanziellen Möglichkeiten Finnlands funktionieren selbstverständlich auch Gesamtschulen. Deren besondere Schwierigkeiten bei uns resultieren auch daraus, dass hier oft von den Gymnasien abgelehnte Schüler versuchen, das Abitur zu erwerben. Dieses Ziel wäre unbedingt unterstützungswürdig, wenn die Schulen nicht versuchten, es durch eine Absenkung des Niveaus zu erreichen. Noch ein anderer Gedanke sozialdemokratischer Schulpolitik ist gesellschaftlich richtig. Mehr gemeinsame Schuljahre und größere Transparenz innerhalb des Schulsystems können helfen, Bildungsreserven auszuschöpfen. Auf einer Ganztagsschule hat auch das Kind eine Chance, dessen Eltern daheim weder Hilfe noch Anregung geben können. Ein demokratisches Staatswesen darf auch als Bildungsziel vertreten, Kinder aus allen sozialen Schichten möglichst lange gemeinsam zu unterrichten. Eines jedoch darf nicht geschehen: dass ideologische Gesichtspunkte über die Ausrichtung des Schulsystems entscheiden. Die SPD ist da leider nicht unverdächtig.

Und die Kindergärten? Die werden uns auch in einem reformierten Schulsystem erhalten bleiben.

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