Meinung : Wer steigert das Bruttosozialprodukt?

Die Weltwirtschaft erholt sich nicht so schnell, Deutschland ist besonders betroffen

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Von Carsten Brönstrup

Was haben sie uns alles versprochen, die Wirtschaftsforscher. Mit der Sommersonne werde der Aufschwung nach Deutschland kommen, sagten sie. Aus den trockenen Zahlen der Wachstumsprognosen würden dann echte, neue Arbeitsplätze, höhere Einkommen und zufriedene Aktionäre.

Nicht Wachstum und neue Arbeit hat der Sommer gebracht, sondern Börsenabstürze, Unternehmenspleiten und Stellenabbau. Sogar bei den Top-Adressen der deutschen Wirtschaft: Siemens und Epcos bauen noch mehr Jobs ab, die Post und die Telekom denken darüber nach, und selbst die feine Allianz steckt in der Krise und muss 3000 Leute mehr bei ihrer Tochter, der Dresdner Bank, nach Hause schicken. Schon warnt das Ifo-Institut, der Aufschwung könne zu Ende sein, noch bevor er richtig begonnen hat. Die Münchner Forscher rechnen mit einem Durchschnitt von vier Millionen Arbeitslosen diesem und im nächsten Jahr – wenn, ja wenn die Wirtschaft im positiven Bereich bleibt.

Das ist keine Schwarzmalerei. Der schleichende Crash an den Finanzmärkten drückt nicht nur bei Unternehmen und Anlegern auf die Stimmung, sondern droht auch real zum Bremsklotz zu werden. Und zwar in Amerika ebenso wie in Deutschland: Wenn die Anleger wegen der sinkenden Aktienkurse ihre Altersvorsorge und ihr Vermögen in Gefahr sehen, sparen sie noch mehr als ohnehin schon.

Wie stark dieser Effekt den Konsum und damit den Aufschwung schmälert, wird sich in den kommenden Monaten erst noch zeigen. In den schwachen Wachstumsdaten, die die USA am Dienstag veröffentlichten, waren die schlimmsten Börsenturbulenzen der vergangenen Wochen noch nicht enthalten. Die Erwartungen der Verbraucher an die wirtschaftliche Entwicklung rutschen Tag für Tag ab – dabei ist es in Amerika vor allem der private Konsum, der die Konjunktur stützt. Nun fallen die Vereinigten Staaten als Konjunkturmotor vermutlich auf unbestimmte Zeit aus.

Für Deutschland sind das keine guten Nachrichten. Seit Jahren schon schaffen es die Deutschen nicht, aus eigener Kraft ein solides, kräftiges Wirtschaftswachstum hinzubekommen. Die deutsche Wirtschaft ist darauf angewiesen, dass der Export den Aufschwung stützt. Und auch die Konsumenten sind so kaufscheu wie nie und lassen die Supermarktketten und Restaurantbesitzer verzweifeln. Börsenbaisse, Euro-Wut und die aussichtslose Lage auf dem Arbeitsmarkt drohen eine regelrechte Angst-Krise auszulösen – in der aus der gefühlten Rezession schnell eine echte werden kann.

Damit müsste sich auch die Politik beschäftigen. Schon aus Eigeninteresse, denn wenn die Deutschen den Aufschwung kaputt zittern, wird der finanzielle Spielraum für die nächste Regierung noch enger, als er ohnehin ist. Eine Steuerreform etwa, wie sie die Union plant, wäre ohne einen kräftigen Aufschwung gar nicht zu finanzieren. Doch statt einen glaubwürdigen Wahlkampf um notwendige und sinnvolle Reformen auf dem Arbeitsmarkt zu führen, beschränken sich die Politiker auf Luftnummern. Darauf aber haben die verunsicherten Wähler und Verbraucher nur gewartet: Angesichts solcher politischen Aussichten legen sie lieber noch einen Euro mehr auf die hohe Kante.

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