• Wer was für andere tut, tut was für sich Soziales Jahr statt Wehrpflicht: Anreize sind besser als Pflichten

Meinung : Wer was für andere tut, tut was für sich Soziales Jahr statt Wehrpflicht: Anreize sind besser als Pflichten

Hans Monath

Es spricht nicht viel dafür, dass es im Jahr 2010 in Deutschland noch Wehrpflichtige und Zivildienstleistende gibt. Weil die Bundeswehr mit immer weniger Geld immer komplexere Aufgaben erfüllen soll, muss auch die Frage geklärt werden, wer die Zivildienstleistenden in Altersheimen, Pflegediensten und Krankenhäusern ersetzt, wenn die Wehrpflicht tatsächlich aufgegeben wird.

Noch verlangt der Gesetzgeber von jungen Männern, dass sie fast ein Jahr ihres Lebens mit der Waffe in der Hand oder bei sozialen Diensten verbringen. Wo sich ein Übergang abzeichnet, ist auch Gelegenheit zur Gestaltung. Deshalb wird nun gestritten, wie der Staat künftig dafür sorgen soll, dass junge Menschen eine soziale Verpflichtung anerkennen. Das geht hin bis zur Ausweitung der Wehrpflicht zu einem allgemeinen sozialen, kulturellen und ökologischen Pflichtjahr für Männer wie Frauen.

Grüne und Liberale warnen prompt vor einem Zwangsdienst. Doch wer nur reflexartig mit Abwehr reagiert, macht es sich zu einfach: Was hält die Gesellschaft in Deutschland eigentlich noch zusammen, nachdem niemand mehr stolz auf die D-Mark sein darf? Wie viel Einsatz für andere jenseits der Steuerlast darf oder soll der Staat verlangen? Was schuldet der Einzelne der Gemeinschaft? Pathetisch gesagt: Es geht um das Selbstverständnis und die Entwicklungsmöglichkeiten eines sozialen Deutschland.

Da sind zunächst einmal die kleinen Lebenslügen. Oft war im Reformjahr 2003 der Vorwurf zu hören, dass große Firmen eine von allen Steuerzahlern finanzierte deutsche Infrastruktur nutzen und trotzdem keine Steuern bezahlen. Doch manche von denen, die so klagen, verhalten sich in ihrem Leben ähnlich: Jede Leistung und jedes Angebot der Gemeinschaft nehmen sie für ihre Entwicklung und ihr Fortkommen gern in Anspruch, von der Familie über die Schule und die Universität bis zur Starthilfe. Doch wer dann irgendwann am Ziel angekommen ist und Erfolg hat, tut schnell so, als ob er ganz allein auf der Welt sei. Den Nutzen der Freiheit konsumiert jeder gerne selbst, die Kosten werden bei der Allgemeinheit abgeladen nach dem Motto: Der Staat wird’s schon richten. Der ist ja dafür da, sich um die Armen und Schwachen zu kümmern.

Nicht nur kalte Egoisten

Als Notbremse gegen Egoismus, als Mittel gegen das Auseinanderfallen einer Gesellschaft wird aber auch ein allgemeines Pflichtjahr so wenig wie der Wehrdienst helfen. Auf der anderen Seite steht das Erleben vieler Menschen, die erst durch den Einsatz und die Arbeit für andere, vor allem für Schwächere, Fähigkeiten entwickelt haben und Zusammenhänge verstanden haben, von denen sie vorher nichts wussten. Wer Deutschland nur als Tummelplatz kalter Egoisten wahrnimmt, was diese Gesellschaft nicht ist, wird eher Abwehr erzeugen als mehr soziales Verhalten fördern. Die vielen freiwilligen und ehrenamtlichen Helfer, ohne die heute weder Feuerwehr noch viele Sozialdienste funktionieren würden, beweisen, dass es viel Bereitschaft zum Einsatz für die Gemeinschaft gibt.

Es sprechen zwar auch praktische Argumente gegen eine Dienstpflicht, denn wer im sozialen Bereich nicht freiwillig anpackt, ist selten bemüht und sensibel. Doch der Hauptgrund dagegen ergibt sich gerade aus dem Vertrauen in die praktische soziale Leidenschaft des Menschen: Der Eingriff in die Lebensplanung von Bürgern darf kein allgemeines staatliches Mittel sein, sondern muss die Ausnahme bleiben. Doch freiwillige soziale Leistung lässt sich auch anders fördern und organisieren. Darum bemüht sich auch die Kommission zur Zukunft des Zivildienstes.

Es kann nur helfen, wenn nun ein Wettbewerb um die Förderung von Ehrenamt und Freiwilligendienst entbrennt, in der eine Anrechnung bei der Rente, ein Bonus fürs Studium oder Bildungsgutscheine eine Rolle spielen, wie sie nun Sigmar Gabriel vorschlägt. Die Politik kann attraktive Anreize schaffen. Nichts spricht freilich dagegen, dass die Gesellschaft selbst den Aufbruch in mehr soziale Verantwortung versucht. Wenn Personalchefs endlich einsehen, dass ein freiwilliges soziales Jahr im Lebenslauf eines Bewerbers mehr verspricht als nur gute Noten, wäre das ein guter Anfang.

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