Meinung : Wer zuletzt schweigt

Gerd Appenzeller

Wirklich, ein interessanter Termin. Die Parteivorsitzenden von CDU und CSU, Angela Merkel und Edmund Stoiber, treten heute in Berlin gemeinsam vor die Presse. Mutig. Endlich Klarheit in der Kandidatenfrage. Und Wolfgang Schäuble hat das Seine dazu beigetragen, als er vor dem Parteipräsidium seinen Verzicht erklärte.

Sie glauben, Sie seien im falschen Stück? Leider haben Sie Recht. Frau Merkel und Edmund Stoiber wollen heute berichten, wie sie die Regierungspläne zur Zuwanderung sehen und was sie von Otto Schilys Sicherheitspaket halten. Sachfragen vor Personalfragen also - das müsste Wolfgang Schäuble, dem ewigen Mahner, gefallen. Da der aber vor dem Präsidium weder Ja noch Nein zur K-Frage gesagt hat, wird heute genau das Gegenteil eintreten. Die Journalisten werden sich die Unionsmeinung zur Zuwanderung genau so lange anhören, wie es die weit ausgelegten Regeln der Höflichkeit erfordern - und dann die Parteivorsitzenden fragen, wie lange die Union das gegenseitige Bluffen um die Kanzlerkandidatur durchhalten wolle. Bis zum CDU-Bundesparteitag im Dezember in Dresden, bis zur CSU-Klausur in Wildbad Kreuth im Januar oder bis zum Frühlingsanfang am 20. März?

Das Thema wird den Unionsgranden um die Ohren fliegen. Am Wochenende tagt die baden-württembergische CDU im badischen Rust. Dort gibt es einen schönen Vergnügungspark. Ob die Veranstaltung selbst vergnügungssteuerpflichtig werden wird? Für die Gegner der Union - vielleicht. Immerhin hatte das Präsidium der Landes-CDU in einem vorübergehend tatsächlich vertraulich gebliebenen Beschluss Edmund Stoiber als Kanzlerkandidaten gefordert. Das war am 22. Oktober, einen Tag nach der Berlinwahl. Heute sehe man das nicht mehr so dramatisch, sagen Kenner des Landesverbandes. Aber da gibt es inzwischen den Antrag des Kreisverbandes Göppingen, der, Chuzpe nennt man das wohl, das vertrauliche Anliegen das Präsidiums zum eigenen gemacht hat und nun offiziell Stoiber vorschlagen möchte. Darauf, dass Erwin Teufel die Leidenschaften der Merkelgegner wird kontrollieren können, will heute niemand wetten.

Und schließlich ist da noch Schäuble, Wolfgang Schäuble. Baden-Württemberg ist seine Heimat. Aber will Wolfgang Schäuble überhaupt mehr als seine Rehabilitierung, die er ja nun von einem Berliner Generalstaatsanwalt bekommen hat, der sich dabei freilich fast die Zunge abgebissen hat? Schäuble schweigt. Es ist ein taktisches Schweigen. Aber ist das auch eine Strategie? Natürlich, er kann bis zum Dresdner Parteitag warten. Da steht er nicht auf der offiziellen Rednerliste. Die Chance, die Delegierten mitzureißen, kann sich für einen wie ihn jedoch aus der Debatte allemal ergeben.

Das Herz der Parteibasis - Baden-Württemberg einmal außen vor gelassen - schlägt für Angela Merkel. Sie war die Hoffnungsfigur, die einzige von Format, so schien es, die einzige, die von Kohl nicht in den Abgrund gerissen worden war. Edmund Stoiber genießt im Süden weit über Bayern hinaus Sympathien. Ganz anders als Franz Josef Strauß erschöpft sich seine Zugkraft nicht regional, weil er Bodenständigkeit mit Intellekt verbindet. Und Wolfgang Schäuble? Er ist der Kontrollierteste der drei, der Reservierteste, was aber auch mit seiner Behinderung zusammen hängt. Wenn es aber um Tugenden wie Führungskraft und Entschlossenheit geht, Kanzlertugenden, ist Schäuble den beiden anderen vorzuziehen. Genau wegen seiner Härte schätzt ihn übrigens die Fraktion nicht so sehr.

Wie geht es weiter? Schon einmal, 1997, hat Wolfgang Schäuble missverständliche Signale ausgesandt. Wann tritt er endlich offen gegen Kohl auf, fragten sich die Beobachter damals. Nie, war die Antwort, weil der Königsmörder nicht Nachfolger des Königs werden kann. Diesmal gibt es keinen König, keine Königin. Es gibt drei Thronprätendenten. Die Zeit läuft - nur: für oder gegen wen? Die zwei Parteivorsitzenden können warten. Gegen ihren Willen geschieht nichts. Gegen den von Schäuble vielleicht schon, wenn er zu lange schweigt. Wirklich riskant ist das Spiel, von allen dreien betrieben, nur für ihn.

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