Werte-Debatte : Meine salafistische Freundin, die Leitkultur und ich

Seit Terroristen Europa terrorisieren und Flüchtlinge nach Deutschland fliehen, spricht die ganze Nation mal wieder von den jüdisch-christlichen Werten. Zu Unrecht!  Ein Kommentar.

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Zugegeben, diese Dame kommt im Text nicht vor. Um Frauen und Kopftücher geht es aber schon.
Zugegeben, diese Dame kommt im Text nicht vor. Um Frauen und Kopftücher geht es aber schon.Foto: Fotolia

Angst und Paranoia: Das sind in diesen Tagen meine treuesten Begleiter. In jedem herrenlosen Koffer vermute ich Plastiksprengstoff und hinter jeder Haustür wähne ich eine islamische Schläferzelle. Keine Frage, die Anschläge von Paris haben Spuren hinterlassen – sehr tiefe sogar. Selbst in den eigenen vier Wänden quält mich neuerdings die Furcht, Opfer des Terrors zu werden. Immer dann nämlich, wenn meine Freundin Sevinç ihren Besuch ankündigt.

Und schenke ich dem Bundesamt für den Verfassungsschutz Glauben, sind meine Befürchtungen keineswegs unbegründet. Das Gros der deutschen Salafisten rekrutiere sich aus zwei Gruppen, warnen die Geheimdienstler: „Deutschen Konvertiten und Menschen aus Familien mit Migrationshintergrund, die auf der Suche nach ihrer ethnischen und religiösen Identität sind“. Sevinç, eine gebürtige Fränkin mit türkischem Migrationshintergrund, gehört zur letztgenannten Gruppe.

Jüdische, christliche und andere Traditionen

Verstehen Sie mich nicht falsch: Noch hadert Sevinç mit dem Salafismus. Als ich ihr kürzlich einmal probeweise das islamische Kopftuch, den Hidschab, über die braunen Locken legte, war es mit ihrem Verständnis für islamische Traditionen schnell vorbei. Niemals werde sie sich damit vor der Tür zeigen, protestierte sie. Wenn aber selbst bieder-deutsche Feuerwehrmänner wie Sven Lau zum Barbaren werden können, warum sollten dann fränkisch-türkische Migrantenkinder gegen das Dschihad-Fieber immun sein?
Ich zumindest hatte mir nach den Pariser Anschlägen vorgenommen, mit Sevinç bei der nächsten Gelegenheit einmal ein intensives Gespräch über „unseren westlichen Werte“ zu führen. Sicher ist sicher, dachte ich mir.

Die Kanzlerin beim Worte nehmen

Damit folgte ich einer Aufforderung, die Angela Merkel fünf Jahre zuvor ausgesprochen hatte. „Wir haben zu wenige Gespräche über das christliche Menschenbild, über die Werte, die uns leiten und über unsere jüdisch-christliche Tradition“, klagt die Kanzlerin damals.

Heute, fünf Jahre und eine Million Flüchtlinge später, wird sehr häufig darüber gesprochen. Egal, ob auf der Pegida-Demo in Dresden oder bei Margot Käßmann unterm Weihnachtsbaum – wenn die Leitkultur verhandelt wird, können sich auf die „jüdisch-christlichen Traditionen“ scheinbar alle einigen.

Von Dichtern und Denkern

Alle außer Sevinç. „Bestand diese Tradition nicht vor allem darin, dass ihr Christen die Juden umgebracht habt?“, fragte sie. Zugegeben, das war ein sehr komprimiertes Resümee von zweitausend Jahren judeo-christlichen Zusammenlebens. Weil Sevinç im Kern aber wohl richtig lag, blieb mir nichts anderes übrig als zustimmend zu nicken. Als „dezidierte Poststrukturalistin“ habe sie mit politisch-religiösen Identitäten ohnehin so ihre Probleme, fuhr sie fort. Wenn das Land schon nach einer neuen Leitkultur suche, müsse eine Kultur her, die ohne Pfarrer, Rabbiner und Imame auskomme.

Sevinç war mit dieser Forderung in guter Gesellschaft, dachte ich. Jedenfalls lässt das ein Blick in die Bücher von Friedrich Nietzsche, Johann Gottlieb Fichte, Ludwig Feuerbach, Friedrich Karl Forberg, Arthur Schopenhauer oder Heinrich Heine vermuten. All jene Dichter und Denker also, auf die man sich in diesem Land nur zu gerne beruft, wenn von den abendländischen Werten die Rede ist.

Das Leben beginnt, wenn die Kirche endet

Auf Zustimmung der Staatsführung, auf Zustimmung von Angela Merkel braucht Sevinç mit ihrer Forderung dennoch nicht hoffen. Gefragt, was man der vermeintlichen Islamisierung entgegensetzen könne, fielen ihr im vergangenen Jahr genau zwei Dinge ein: die Deutschen sollten halt „mal wieder in den Gottesdienst gehen und ein bisschen bibelfester werden.“ Ob ein Vaterunser am Vormittag und ein Ave Maria am Abend ausreicht, um gelangweilte Kids von der Barbarei abzuhalten?

Ich bin mir da nicht so sicher. 

Denn wenn ich mich nicht irre, wurden die Schlachten für die Meinungsfreiheit, für die Gleichberechtigung der Frau oder gegen die Diskriminierung von Homosexuellen allesamt gegen Kirche und Klerus geschlagen - nicht mit ihnen.

Vielleicht sollte ich künftig etwas mehr auf die Menschen mit Migrationshintergrund hören, wenn mal wieder unsere Werte diskutiert werden. Sevinç jedenfalls ist überzeugt, dass wir autochthonen Deutschen eine Menge lernen könnten. „Den Laizismus haben wir Türken ja quasi erfunden!“, stellte sie neulich fest. Das „R“ rollte sie dabei übrigens so, wie es nur autochthone Franken rollen können.

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