Meinung : Wettlauf der Extremisten

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Die goldene Kuppel des Felsendoms auf dem Tempelberg in Jerusalem gehört zu den beliebtesten Fotomotiven in der arabisch-islamischen Welt. Wie kaum ein anderes Symbol steht der Tempelberg für die Ziele der Intifada und die antiisraelischen Proteste in den arabischen Ländern. Der Rückgriff auf islamische Symboliken spiegelt die zunehmende Interpretation des arabisch-israelischen Konfliktes als religiöse Konfrontation zwischen Islam und Judentum.

Trotz der Bedeutung Jerusalems in der islamischen Tradition spielten religiöse Argumente in der arabischen Nationalbewegungen lange nur eine untergeordnete Rolle. Dennoch lassen sich erste Islamisierungsversuche des Konflikts in die Zeit der Mandatsmächte zurückverfolgen. Der Mufti von Jerusalem, Hadj Amin Al-Husseini, war in den späten 20er Jahren damit erfolgreich, die arabischen Aufstände gegen die britische Mandatspolitik und die zionistische Besiedelung religiös zu begründen. Im Winter 1931 versammelte er über 140 Teilnehmer aus unterschiedlichsten Ländern zu einer Islamischen Konferenz in Jerusalem. Mit dem Treffen bekräftigte der Mufti die religiöse Bedeutung Jerusalems für Muslime und gewann die Unterstützung islamischer Regime für seinen Kampf gegen Mandatsmacht und Zionismus.

Die arabische Nationalbewegung unterschied sich nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich davon. Die Orientierung an sozialistischen und panarabischen Idealen und der antikolonialen Bewegung rückte die nationale Dimension in den Mittelpunkt. So verzichtete die palästinensische Nationalcharter von 1964 trotz eines Aufrufes zum „Dschihad bis zum vollständigen und endgültigen Sieg“ auf einen ausdrücklichen Bezug zum Islam. Internationale Solidarität gründete in der Vorstellung einer arabischer Einheit, nicht in der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Muslime. Die Erfolge der iranischen Revolution unter Khomeini bildeten Anfang der 80er den Ausgangspunkt für eine Reislamisierung der Region. Die Ablösung des Schah-Regimes stand für den Sieg über die USA und den Westen und verkörperte die Hoffnungen, an denen die panarabischen und antikolonialen Ideologien der 60er und 70er gescheitert waren. In Konkurrenz zum wahhabitischen Regime in Saudi Arabien etablierte sich der Iran als regionaler Gegenpol im Ringen um die religiöse und politische Hegemonie. Mit weltweiten Finanzhilfen und massiver Unterstützung der afghanischen Mudschaheddin gegen die Sowjets bemühte sich die saudische Monarchie, Einfluss zurückzugewinnen.

Der Sieg über die Sowjets bekräftigte den Anspruch der Saudis auf eine religiöse Leitfunktion im Kampf mit der nicht-islamischen Welt. Bei allen machtpolitischen Differenzen trafen sich der Iran und der Wahhabismus in ihren Deutungen der Weltpolitik als existenziellem Konflikt zwischen dem Islam und der christlich-jüdischen Welt. In ausdrücklicher Abkehr von toleranten Strömungen des Islams stärkten die Erfolge der iranischen Revolution und des wahhabitischen Islams die vehemente Abwendung von allem, was mit dem Westen in Verbindung gebracht wurde.

Die Vielzahl islamistischer Gruppen, die entscheidend zur Islamisierung regionaler Konflikte beitrugen, ist Folge dieser Entwicklungen. Am Beispiel des Nahostproblems lässt sich der Einfluss islamistischer Gruppierungen wie Hamas und Islamischer Dschihad, die sich seit Ende der 80er zu bedeutenden politischen Größen innerhalb der palästinensischen Gesellschaft entwickelten, für die Islamisierung des Konfliktes nachzeichnen. Ebenso wie die schiitische Hisbollah im Libanon wurde der Islamische Djihad, aber auch Hamas, zu Empfängern umfangreicher finanzieller Zuwendungen des Irans, die den ideologischen wie militärischen Aufstieg der Organisationen erst ermöglichten. Die weit reichenden finanziellen Unterstützungen Saudi Arabiens hingegen ermöglichten der Hamas, ihren militanten Kampf mit dem Aufbau sozialer und religiöser Einrichtungen in den palästinensischen Gebieten zu verbinden.

Dennoch spiegelt nicht allein die Popularität radikaler Islamisten die Erfolge bei der Islamisierung des Konfliktes. Die offene Bezugnahme zuvor säkularer Gruppierungen zur islamistischen Hisbollah und dem Iran zeigen, dass sich islamistische Deutungen des Konfliktes in der Mitte der arabischen Gesellschaften etablieren konnten. Erst kürzlich berichtete eine arabische Zeitung vom Besuch einer palästinensischen Delegation in Teheran, der neben Vertretern des Islamischen Dschihad und der Hamas auch säkulare Organisationen angehörten. Es ging darum, deren finanzielle Unterstützung sicherzustellen.

Bedeutsamer noch sind die Beträge, die von Saudi Arabien an islamistische Gruppierungen und Institutionen in aller Welt fließen – von der König Fahd Akademie in Bonn bis zu Bildungsprogrammen in Bosnien-Herzegowina. Die Propagierung des saudischen Wahhabismus hat sich in verschiedenen regionalen Konflikten niedergeschlagen. Von den Kämpfern um Abu Sayyaf auf den Philippinen bis zu den Attentätern des 11. Septembers prägen islamistische Ideologien die Ziele der Organisationen. Die zunehmende Akzeptanz fundamentalistischer Interpretationen des Dschihads oder des Märtyrertums spiegelt die Erfolge dieser Islamisierung in der arabisch-islamischen Welt.

Der Autor leitet das „Middle East Media Research Institute“ (Memri). Es hat Büros in Washington, Jerusalem, London und Berlin.

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