Meinung : Wickerts Würstchenbude

Die „Tagesthemen“ kommen künftig schon um 22 Uhr 15. Ein Grund zum Einschalten?

Joachim Huber

Dass er das noch erleben darf, der Ulrich Wickert. Die ARD wird ihre „Tagesthemen“ von 22 Uhr 30 auf 22 Uhr 15 vorziehen. Für den „Anchorman“ heißt das: Er und seine Zuschauer dürfen früher ins Bett und die „Tagesthemen“ können mit mehr Publikum rechnen. Die ARD versucht den abnehmenden Zuschauerzuspruch zu stoppen. Für die ARD, den selbst ernannten Informationssender Nummer eins im deutschen Fernsehen, ist das ein unhaltbarer Zustand. Mit den „Tagesthemen“ um 22 Uhr 15 offeriert das Erste nun eine zeitnahe, mehr als nur „gefühlte“ Alternative zum „heute-journal“.

ARD und ZDF eröffnen ein Wettrennen um den Zuschauer, der an Information interessiert ist. Das dreht den Programmtrend, jedenfalls am späteren Abend. Information gilt wieder als Ausweis öffentlich-rechtlichen Fernsehens, dies vermittelt die ARD mit ihrer Programmreform. Derselbe Sender war in den vergangenen Jahren in die Gegenrichtung unterwegs. Das Erste hat außer der „Tagesschau“ zur allerbesten Sendezeit nicht eine einzige Informationssendung im Angebot. Die ARD hat – im Gleichschritt mit dem ZDF und den Privatsendern – den Freitagabend zur Unterhaltungsbühne umgebaut. In diesem Allerlei aus Herz-Schmerz, Schieß-mich-tot-Krimis und Dauer-Comedy ist der „Bericht aus Berlin“ allein gelassen worden.

Auch hier korrigiert sich die ARD: Der „Bericht aus Berlin“ wird auf den frühen Sonntagabend verlegt, in bewusster Nähe zum ZDF-Produkt „Berlin direkt“. Hier wird Fernsehen so betrieben wie das Geschäft von McDonald’s und Burger King. Die Imbissbuden am besten dicht an dicht, damit in direkter Konkurrenz der bessere Burger-Brater den Kunden überzeugt.

Damit ist auch klar: Fernsehen ist ein Nachfragemedium, und wo die Nachfrage schwächelt, wird das Angebot justiert. Immerhin diesmal zu Gunsten der Information. Aber welche Information gewinnt? Die harten News oder das softe Infotainment? Zuerst wird der „Bericht aus Berlin“ am Sonntag den Nachweis führen müssen, dass sich die Fernsehzuschauer in beträchtlicher Zahl für Hardcore-Politik interessieren. Die Publikumsdaten sagen da etwas anderes. Politik verliert als Programmpunkt an Bedeutung, als Reflex auf das allgemein sinkende Interesse daran. Friedrich Nowottny, der frühere Leiter des „Berichts aus Bonn“, hat im Tagesspiegel die Politik dafür schuldig gesprochen, nicht das Fernsehen. Wenn das stimmt, dann haben die künftigen „Tagesthemen“ um 22 Uhr 15 ein Problem. Von allen regelmäßigen und täglichen Informationssendungen bietet das ARD-Magazin die meiste harte Information, die meisten politischen Beiträge. Früher ausgestrahlt und in die Nähe des populäreren „heute-journals“ gelegt, könnten die „Tagesthemen“ diesen Charakter verlieren. Die Sendung soll und muss ja an Quote gewinnen, dafür wird die gefährliche Operation ja unternommen.

Vielleicht ist dieser Kassandraruf überflüssig. Die Nachrichten am Montagabend haben aber gezeigt, wo mittlerweile die Grenze zwischen öffentlich-rechtlicher und privater Information verläuft. Bei RTL & Co. war der Prozess um Michael Jackson der Aufmacher, bei ARD & Co. war er am Ende der der Sendung platziert. Die Unterschiede sind graduell, generell sind sie nicht.

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