Meinung : Wider den totalen Pluralismus

Warum in einer Gesellschaft der Ungleichheit nicht jeder nach seiner Fasson selig werden kann

Paul Nolte

Darf in einer freien, pluralistischen Gesellschaft jeder nach Lust und Laune dick sein? Oder stört es uns, dass das Einstiegsalter beim Rauchen immer weiter sinkt, dass der Anteil rauchender Kinder und Jugendlicher in keinem europäischen Land höher ist? Die Fragen, die so plötzlich die öffentlichen Debatten in Deutschland bestimmen, sind Fragen nach vernünftigem Verhalten und richtiger Lebensführung. Doch ist diesmal nicht die Rede von akademisch-philosophischen Begründungen der Vernunft und abstrakten Ethiken des guten Lebens. Die Fragen sind von geradezu beklemmender Alltagsnähe, fast möchte man sagen: Trivialität. Ernähren wir uns richtig und bewegen wir uns zu wenig, sind wir ein Volk der Dicken und Trägen geworden – und was bedeutet das?

Solche Fragen nach dem Alltagsverhalten von Einzelnen waren am Ende des 20.Jahrhunderts tot geglaubt. Die Möglichkeiten der Lebensführung hatten sich vervielfältigt, und die Menschen schienen die völlige Wahlfreiheit zu besitzen. Warum sollte sich eine Ernährungs- und Verbraucherministerin um das kümmern, was mittags auf den Tisch kommt? Offensichtlich sind wir aber dabei, diese Fragen anders zu beantworten als noch vor wenigen Jahren. Wir sind dabei zu lernen, dass Aspekte des Alltagsverhaltens sich nicht auf individuelle Präferenz reduzieren lassen. Mindestens die Folgen solchen Verhaltens sind gesellschaftlich bedeutsam – sie kosten nicht nur die Betroffenen, sondern uns alle etwas.

Doch mit weiterführenden Einsichten tun wir uns immer noch schwer. Wir führen die Verhaltensdebatten so, als hätten sie miteinander wenig zu tun: Die Ernährungsministerin kümmert sich um das falsche Essen, die Gesundheitsministerin bekümmert das Rauchen, die Bildungsministerin spricht über Bildungsrückstände in Elternhäusern und Schulen. Erst allmählich wächst das Bewusstsein, dass die Überlagerung und Gleichzeitigkeit dieser Probleme kein Zufall sein kann. Es handelt sich eben nicht um die zufällige Summe individueller Präferenzen, sondern überwiegend um Probleme in den vernachlässigten Randzonen unserer Gesellschaft. Ernährungsdefizite und Bewegungsmangel, Sprachdefizite und Bildungsrückstände, übermäßiger Fernseh- und auch Handykonsum konvergieren in jenen neuen Unterschichten, über die zu sprechen der Öffentlichkeit wie der Politik immer noch so schwer fällt. Auch eine „linke“ Ernährungsministerin spricht das nur hinter vorgehaltener Hand aus.

Die wissenschaftlichen Befunde aber sind eindeutig: Das Rauchen von Zigaretten zum Beispiel wird tendenziell zu einem Unterschichtphänomen. Aber wir reden nicht gerne darüber, weil die Fragen, die sich dann ergeben, viel komplizierter, manchmal auch peinlicher sind, als wir uns zu verkraften angewöhnt haben. Doch machen wir uns nichts vor: Deutschland hat einen Spitzenplatz nicht nur in der ökonomischen Leistungsfähigkeit verloren. Immer mehr Indikatoren weisen darauf hin, dass wir auch im „weichen“ Sektor von Kultur und Lebensstil, von Verhalten, Bildung und Gesundheit im internationalen Vergleich in einen Rückstand geraten. Wir müssen uns eingestehen: Das Land der Dichter und Denker ist eine verwahrloste Gesellschaft geworden, und daran tragen alle, „unten“ wie „oben“, einen Teil der Schuld.

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Losgelöst von ökonomischen Fragen, auch von Fragen der materiellen Verteilung, ihrer Prinzipien und ihrer Gerechtigkeit, lässt sich all das jedoch nicht diskutieren. Das Beispiel des schichtspezifischen Rauchens oder Alkoholkonsums illustriert bereits, dass gerade in materiell prekären Verhältnissen – sagen wir es einmal abstrakt – finanzielle Ressourcen in ein Verhalten investiert werden, das die Grenzen dieser Verhältnisse eher verstärkt als durchbricht. Schließlich sprechen wir von Milieus, in denen die Klienten und Transferempfänger unseres Sozialstaates, um es noch vorsichtig zu sagen, deutlich überrepräsentiert sind. Damit aber ist die Ernährungs- oder Bildungsfrage nicht nur eine der wohlmeinenden Informationen über den Fettgehalt von Milchschnitten. Wenn wir es ernst meinen, stehen wir vielmehr im Zentrum des Selbstverständnisses unseres Sozialstaates, unserer gesamten Wohlfahrtspolitik.

Deutschland liegt in der Spitzengruppe der OECD-Länder, was die materielle Umverteilung angeht, den Einsatz von sozialen Transfermitteln. Und dennoch sind wir immer mehr das Schlusslicht, was die Eröffnung von Chancen, was den Ausbruch und Aufstieg aus sozialen Randzonen der Gesellschaft betrifft. Die alte Politik der Unterschichten in Deutschland, sofern man davon überhaupt sprechen konnte und durfte, ist in den letzten Jahren endgültig in die Krise geraten. Das Prinzip der umverteilenden Hilfe und Gerechtigkeit bleibt auch in Zukunft ein unverzichtbares Element. Aber es ist an Grenzen gestoßen, auf die politisch reagiert werden muss, nicht nur aus fiskalischen Interessen, sondern auch im genuinen Eigeninteresse der Klientel dieser Umverteilungspolitik selber.

Wichtiger noch ist die Erkenntnis, dass Benachteiligung und soziale Exklusion mit dem Mittel der Transferzahlungen häufig nicht mehr aufgebrochen werden können, weil sich Kulturen verfestigt haben – Kulturen von mangelnder Bildung oder latenter Gewalt –, gegen die der materielle Anreiz nichts mehr ausrichten kann. Die Politik für Unterschichten und marginalisierte Gruppen ist bei uns zu lange einem Konzept gefolgt, das man als „fürsorgliche Vernachlässigung“ bezeichnen könnte. Einer vergleichsweise hohen materiellen Fürsorge steht eine Vernachlässigung in sozialer und kultureller Hinsicht gegenüber. Zugespitzt formuliert: Die Mehrheitsgesellschaft hat sich mit Geldzahlungen von den wirklichen Problemen am Rande der Gesellschaft freigekauft, sie hat sich ein gutes Gewissen erkauft, ohne Probleme zu lösen. Das funktioniert nicht mehr.

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Wenn an meiner These von der „fürsorglichen Vernachlässigung“ etwas dran ist, wenn also die Denk- und Handlungsmuster unserer bisherigen Wohlfahrtspolitik an Grenzen stoßen – was ist dann die Alternative? Es „besser“ zu machen, das heißt, zusammengefasst, vor allem: Selbstmarginalisierung und Einkapselung in Chancenarmut aufbrechen; Bedingungen für eine mobile, aufstiegsorientierte Gesellschaft schaffen; Mechanismen der generationellen „Vererbung von Transferabhängigkeit“ angreifen; vor allem Kindern und Jugendlichen Chancen geben – und die Selbstzerstörung von Chancen nehmen. Das ist nicht nur eine Frage der richtigen Einstellung und guter Absichten, sondern erfordert einen komplexen Politikansatz und insgesamt wohl nicht weniger als einen Paradigmawechsel der bisherigen Fürsorge- und Wohlfahrtspolitik. Das Ziel muss es wieder sein, Kulturen der Armut und der Abhängigkeit, des Bildungsmangels und der Unselbstständigkeit nicht sich selber zu überlassen, sondern sie herauszufordern und aufzubrechen.

Zwei Aspekte kann man dabei unterscheiden: Es geht erstens um Integration in die Mehrheitsgesellschaft, zweitens ebenso – für viele ein heikleres Thema – um die Vermittlung kultureller Standards und Leitbilder. Aber schon der Aspekt der Integration ist in Deutschland häufig tabuisiert worden. Sollen in einer multikulturellen, einer toleranten Gesellschaft nicht alle nach ihrer Fasson selig werden, ihre eigene Muttersprache lernen, ihren eigenen Verhaltensstandards folgen? Das bleibt im Prinzip ein erstrebenswertes Ideal liberalen Zusammenlebens – es funktioniert nur leider nicht unter den Bedingungen krasser Ungleichheit. So haben wir es uns auch mit der zeitweisen Verteufelung der Integration nur ungemein bequem gemacht. Die Bildungspolitik ist wahrscheinlich das wichtigste Feld, auf dem dieser neue Ansatz konsequent verfolgt werden muss. Hier muss sich ein „präventiver“ statt nachsorgender Sozialstaat entwickeln, der soziale Problemfälle nicht erst dann (und hilflos) mit Transferzahlungen zu kurieren versucht, wenn sie bereits eingetreten und oft ein Leben lang irreversibel sind.

Und Prävention bedeutet Intervention: Sie ist ohne spürbare Zumutungen nicht zu haben. Wir müssen den türkischen Eltern sagen können, dass sie ihre Kinder auch zu Hause zweisprachig erziehen müssen, und den Sozialhilfeeltern zumuten, die in öffentlichen Institutionen vermittelten Kompetenzen zu Hause fortzusetzen statt sie zu unterlaufen. Präventive Integration bedeutet: deutlicher als bisher oft üblich Grenzen markieren. Das amerikanische Konzept einer Politik der „zero tolerance“, des frühen Eingreifens schon bei kleineren Regelverletzungen, könnte dafür ein guter Ansatzpunkt sein. Auch das ist eine notwendige Zumutung nicht nur für die unmittelbar Betroffenen. Merkwürdig zum Beispiel, dass uns erst jetzt die Schizophrenie auffällt, über nikotinsüchtigen Nachwuchs zu klagen, das Rauchen auf dem Schulhof aber zu tolerieren oder gar zu ermöglichen. Null Toleranz, das gilt erst recht für alle „unzivilen“ und explizit gewalthaften Verhaltensformen. All das stellt, zugegeben, große Anforderungen vor allem an jene, die als Pädagogen oder auf andere professionelle Weise in diesen Milieus arbeiten und oft schon bisher ihr Bestes geben.

Eine neue Politik der Unterschichten wird sich an einem letzten Aspekt nicht vorbeimogeln können. Die Frage ist schließlich auch: Was soll mit dieser Integration vermittelt werden, welche kulturellen Werte, Leitbilder und Verhaltensmuster gilt es zu fördern? Insofern ist Integration nicht zum Nulltarif zu haben, sondern bedeutet eine kulturelle und soziale Zumutung. Wir haben uns lange gescheut und fast schon abgewöhnt, „Kultur“ unter normativen und bewertenden Gesichtspunkten zu betrachten: Literatur ist nicht nur Goethe, Mozart hat auf seine Weise auch „Popmusik“ komponiert, und Beuys war anfangs alles andere als Kanon. Außer einem totalen Pluralismus scheint es keine Maßstäbe mehr zu geben.

Und doch können wir der schwierigen Frage nach Bewertung und Hierarchisierung von Kultur nicht mehr ausweichen. Lesen ist tatsächlich „besser“ als Fernsehen oder Gameboy, und die Lektüre eines guten Romans oder Sachbuchs wiederum „besser“ als die von Trivialliteratur oder der allgegenwärtigen Ratgeber. „Besser“ hat dabei nichts mehr mit einem formalisierten bürgerlichen Bildungsdünkel zu tun, sondern lässt sich ganz konkret übersetzen in: Kreativität fördernd, soziale Kompetenzen stärkend, individuelle Chancen eröffnend.

Die Präferenz für bestimmte kulturelle Stile, ob man sie nun bürgerlich nennt oder nicht, erstreckt sich sogar auf jene Standards der Höflichkeit oder Zivilität im Alltagsverhalten, die lange Zeit als Sekundärtugenden verschmäht worden sind. Jetzt, da diese Fähigkeiten offenbar vielen Eltern abhanden gekommen sind, sollen sie wieder vermehrt in der Schule vermittelt werden. Vor allem haben wir angefangen zu begreifen, jenseits ideologischer Scheuklappen, dass es sich dabei im Grunde um Primärtugenden handelt. Denn es geht um elementare Fähigkeiten der Persönlichkeit, um den elementaren Respekt vor sich selber und vor anderen, der sich in bestimmten zivilen Verhaltensformen äußert. Natürlich ist es kein Zufall, dass dieser kulturelle Katalog eine bürgerliche Herkunft und auch weiterhin ein bürgerliches Gepräge besitzt. Wenn wir bestimmte Kulturformen in diesem Sinne auszeichnen und auch in Milieus jenseits der bürgerlichen Mittelschichten fördern wollen, kommen wir kaum an der Einsicht vorbei, dass es sich dabei um so etwas wie eine „Leitkultur“ handelt. Diese Leitkultur sollte bürgerlich im besten Sinne sein: indem sie die Achtung des anderen aus der Selbstachtung, aus dem Selbstvertrauen gewinnt – und Selbstvertrauen resultiert aus der Fähigkeit zu einer selbstverantwortlichen Lebensführung, zu einem aktiven Lebensentwurf.

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