Meinung : Wie die Mädchen

Die wichtigen Männer in der Union bekämpfen Angela Merkel nicht mehr frontal – sie verweigern sich

Tissy Bruns

Ein Gespinst legt sich über die Union, jenseits aller Kämpfe um Gesundheitsreform und Parteitagsergebnisse. Zwei gestandene Mannsbilder sitzen zwei Stunden zusammen und schieben die Verantwortung hin und her. Denn keiner will sie übernehmen. Der eine Horst Seehofer, ein unerschrockener Robin Hood, der andere Edmund Stoiber, Parteiführer der Zweidrittelmehrheiten. Fünf Wochen zuvor hat sich einer verabschiedet, von dem es einmal hieß: Der Friederich, der Friederich, das ist ein arger Wüterich. Jetzt hat der schneidige Merz keine Lust mehr auf Politik und ihre ewigen Kämpfe; er geht Geld verdienen, weil er sowieso nicht Finanzminister werden kann. Kurz danach hat sich ein strenger Pflichtmensch für die Merz-Nachfolge erst öffentlich bitten lassen und dann Nein gesagt. Wolfgang Schäuble, schrieben damals viele Zeitungen, gab Angela Merkel einen Korb.

Das ist der Parteivorsitzenden ebenso auf die Füße gefallen wie die Sachen mit Merz und Seehofer. Sie trägt eben die Verantwortung. Das hat schon seine Ordnung: Was schief läuft in der Union, muss die Nummer eins der großen C-Partei sich ankreiden lassen. Seltsam nur, dass sich neuerdings keiner mehr aufmacht, die Verantwortung und die Macht mit der Vorsitzenden zu teilen oder ihr gar streitig zu machen. Der unionsinterne Machtkampf – und er ist offen, bis beide Parteien über die Kanzlerkandidatur entschieden haben – vollzieht sich nicht nach den vertrauten Mustern. Nicht Anmaßungen, Intrigen, Hahnenkämpfe sind es, die Angela Merkel die Führungsrolle schwer machen. Neuerdings pflegt man dort ein traditionelles weibliches Muster: die Verweigerung.

Seit Merz davongelaufen ist, Schäuble den Korb überreicht hat und Seehofer im Stile eines Klassenkaspers Unruhe stiftet, verdichtet sich das Bild einer Vorsitzenden, bei der starke Leute auf der Strecke bleiben. Der Vorwurf ist latent und böse, denn er kann auf die Dauer jede Spitzenstellung unterhöhlen. Gerade die Union weiß instinktiv, dass diese Volkspartei nur zur Macht führen kann, wer starke Mitkämpfer um sich sammeln kann. Starke Mitkämpfer gewinnt aber nur, wer ihnen Aussichten auf eigene Anteile an der Macht eröffnet, die man gemeinsam erobern will. Merkel kann das schwer glaubhaft machen, wenn kurz nacheinander ein brillanter Jungstar (Merz), ein hochgeachteter Generalist (Schäuble) und ein populärer Volkstribun (Seehofer) von der Fahne gehen. Schlimmer ist für sie jedoch: Dagegen ist kein Kraut gewachsen, das sie selbst in der Hand hat. Denn Verweigerung ist eine Form der Machtausübung, die subversiv ist, keiner Verschwörung bedarf und sich dem Zugriff des Adressaten entzieht, dem die Verweigerung gilt.

Merkels männliche Konkurrenten haben, mit anderen Worten, begriffen, dass man von Frauen lernen muss. Sie wissen es, seit Angela Merkel die subversiven und weiblichen Muster ihres Aufstiegs hinter sich ließ und ihre Macht ausübt nach den Regeln, die sie von Helmut Kohl gelernt hat. Die, nebenher gesagt, unter Männern völlig akzeptiert sind. Schnell hatte sich herausgestellt, dass diese Trümmerfrau nicht nach Hause geht, nachdem sie zur Emanzipation vom Übervater Helmut Kohl aufgefordert hatte. Merkel wurde eine zunächst schwache, aber zähe Vorsitzende, die – erneut ein weibliches Muster – neue Kraft aus dem Verzicht schöpfte, dem auf die Kanzlerkandidatur.

Friedrich Merz, der danach den Fraktionsvorsitz an Merkel abgeben musste, hat über diesen Vorgang öffentlich Klage geführt. Und damit kenntlich gemacht, dass die CDU-Vorsitzende ihre Macht einsetzt wie ein Mann und dass es eben doch einen Unterschied gibt: Über einen verlorenen Kampf gegen einen männlichen Konkurrenten beschwert sich niemand öffentlich. Man schlägt am geeigneten Punkt zurück.

Ein Jahr später, drei Wochen vor dem Leipziger CDU-Parteitag, auf dem Merkel für ihren Reformmut umjubelt wurde, sah es wieder trüb aus für Merkel. Die Unionsfraktion war unvermutet vor die Affäre Martin Hohmann gestellt, der wegen antisemitischer Äußerungen schließlich aus der Fraktion ausgeschlossen wurde. Mit einer nicht sehr überzeugenden Mehrheit, die Merkels Unentschiedenheit angelastet wurde. Wieder ging es um Merkel, Männer, Macht. Ganz fernab der Sache schwang in der Debatte die Frage mit, ob diese Vorsitzende nicht mehr nur ihre direkten Konkurrenten, sondern auch nette Hinterbänkler zu meucheln bereit sei.

Für die Union trifft mittlerweile zu, was für die Gesellschaft gilt: Frauen können durchaus Chef sein. Aber in den C-Parteien ist eben auch die Kehrseite zu beobachten, nämlich die narzisstische Verstörung einer Männerwelt, die damit fertig werden muss. Groß sind die Unterschiede nicht: Da lassen Halbwüchsige in der Schule die Mädchen an sich vorbeiziehen und stürzen sich in Computerwelten, da hadern erwachsene Männer mit dem Rollengewinn ihrer Frauen, ohne sich selbst neue in der Familie zu erobern – und Politiker eben mit der neuen, der weiblichen Konkurrenz.

Zugeben muss man schon: Die Union hat es besonders hart getroffen. Jahrzehntelang konnten SPD und Grüne sich an die emanzipatorische Kulturrevolution gewöhnen. Die männlichen Seilschaften haben ihre Spitzenstellung dabei trotz Quote souverän verteidigt. Die Union, die sich diesem Prozess lange verschlossen hat, traf es urplötzlich. Die deutsche Einheit katapultierte eine Frau in die zweite Reihe. Da hatten die gleichaltrigen Männer eigentlich schon ausgemacht, wie sie ihre Machtkämpfe um den ersten Platz austragen wollen. Als die Zeit reif war für die Überwindung von Kohl, wagte sich aber nur Merkel vor.Wer in einem Land auf die Regierungsbank will, in dem die Frauen wahlentscheidend sind, sollte vier Jahre danach mit dieser niederschmetternden Kränkung langsam fertig werden.

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