Meinung : Wie Fremde gemacht werden

Das Gerede von der Parallelgesellschaft ist nicht nur falsch. Es ist als Argumentationsmuster sogar gefährlich

Wolfgang Kaschuba

Eigentlich klingt es ganz plausibel. Wir haben zwar ein Problem, dafür aber auch gleich eine Diagnose. Das Problem heißt Migration, und die Diagnose lautet: mangelnde Integrationsbereitschaft. Konkreter: Wer nach Deutschland einwandert (offenbar nur noch Menschen aus der Türkei oder aus arabischen Ländern), der wandert gar nicht wirklich in die deutsche Gesellschaft ein. Stattdessen sucht er sich seinen Platz in migrantischen Parallelgesellschaften. Und die sind vor allem eines: bewusst nichtdeutsch.

Insofern bündelt der Begriff Parallelgesellschaft, was offenkundig scheint und was von den Medien jeden Tag weiter verdichtet wird: jenes Bild migrantischer Enklaven, in denen man mit Türkisch oder Arabisch durch den Tag kommt. Von der Moschee über den Bäcker, den Gemüseladen und die Teestube bis zur Tankstelle kein Deutsch. Mehr noch, hier, mitten in unseren Städten, findet Deutschland offenbar kaum statt, sondern „fremde Welt“: aggressive Kids, kopftuchtragende Frauen, Zwangsheiraten, fundamentalistische Muslime, minarettbewehrte Moscheen.

Anfang der 1990er Jahre hatte der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer den Begriff Parallelgesellschaft in die Debatte eingebracht. Zunächst ohne großes Echo. Doch seit drei, vier Jahren ist mit dem eher flüchtig hingeworfenen Wort plötzlich eine Sprach- und Bilderlawine losgetreten. Nun sind es Politiker, die diesen Begriff als Alarmwort benutzen, um die Migrationsproblematik zu beklagen. Von „Fördern und Fordern“ ist zwar auch die Rede, vor allem aber von Überwachung und Kontrolle. Sonst drohten uns No-go- areas wie in den Pariser Vorstädten. Bayerische Politiker fangen solche Sätze gern mit der Formulierung an: „Es kann nicht sein, dass in Deutschland …“

Mein leiser Sarkasmus gilt dieser Art der Thematisierung. Er soll keinesfalls den Ernst der Situation abschwächen. Denn in vielen europäischen Gesellschaften hat sich die Diskussion über Migration tatsächlich dramatisch zugespitzt. Neue Begriffe von Fremdheit tauchen darin auf, und neue Ängste werden spürbar. Zwei Bilder vor allem sind es, die gegenwärtig die öffentliche Wahrnehmung prägen. Zum einen werden Migranten verstärkt als ethnisch Fremde identifiziert. Als Fremde, die deshalb auch nicht der Mehrheitsgesellschaft angehören. Zum andern erfahren zunehmend islamistische Gruppen öffentliche Aufmerksamkeit. Seit jenem 11. September scheinen sie den Nährboden zu bilden für einen Terrorismus, der im Namen des Dschihad auch in Europa bereits seine blutigen Spuren von London bis Madrid hinterlassen hat.

Fremdheit, Bedrohung, Terrorismus durch Einwanderung. Diese Assoziationskette lesen wir dann zwangsläufig auch aus anderen einschlägigen Nachrichten heraus. Wenn von Prügeleien auf dem Schulhof, vom Abziehen auf der Straße, von Angriffen auf die Polizei, von brutalen Ehrenmorden an jungen Frauen die Rede ist.

Oft lesen wir gewiss richtig. Es gibt Gewaltformen und Geschlechterrollen in migrantischen Milieus, die nicht „kulturell“ erklärbar, sondern schlicht inakzeptabel sind. Vieles jedoch lesen wir selbst auch in solche Nachrichten hinein. Migration wird eben auch medial dramatisiert und öffentlich diskriminiert. Längst gibt es hier neben neuem Realismus auch einen neuen Alarmismus, der fremde Bedrohung überall sieht und fremdenfeindliche Züge trägt. Dazu gehört auch die Rede von der Parallelgesellschaft.

Denn das Problem mit den Einwanderern hat zunächst eine überaus deutsche Geschichte. Deutschland sei kein Einwanderungsland, sagten die Stammtische schon immer und sagt Innenminister Schäuble immer noch. Sein schlichtes Argument: Deutschland habe nie Einwanderungspolitik betrieben. Genau dies ist das Problem. Deutschland wollte nie Einwanderungsgesellschaft sein, sondern stets „deutsche“ Abstammungsgemeinschaft bleiben – allen „völkischen“ Erfahrungen wie allen Einwanderungen in der Geschichte zum Trotz.

Besonders nach 1945 wirkte diese Absicht zunehmend grotesk, denn bereits die Millionen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen, die damals nach Restdeutschland kamen, waren eher zweifelhafte Deutsche. Zuallererst waren sie ungebeten und unwillkommen – Migranten auch sie, Fremde.

Und das blieben sie und ihre Kinder noch lange Zeit: „Flüchtlinge“. Das Wort birgt auch für mich noch eigene Erinnerungen an ein Aufwachsen bei den Schwaben, die von uns „fremden“ Deutschen wenig wissen wollten. Obwohl ich doch hier geboren war. Unterschiedliche Dialekte, Schicksale, Traditionen, Lebensstile trennten auch noch meine Generation – allen angeblich gemeinsamen deutschen Wurzeln wie westdeutschen Alltagen zum Trotz. Schon die schnell hochgezogenen Flüchtlingsblocks am Stadtrand verkündeten ein symbolisches Draußen. Und die Konfessionsunterschiede zwischen protestantischen Schwaben und katholischen Flüchtlingen erschienen ebenso unüberbrückbar wie heutige Religionsunterschiede zwischen Christentum und Islam. „Gemischte“ Freundschaften waren dadurch schwierig, Heiraten unmöglich. So blieben die Flüchtlinge in ihren Kirchen, Sportvereinen und Geschäften ebenso unter sich wie bei ihren Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen. Eine Parallelgesellschaft? Bis dann die Gastarbeiter kamen, deren italienisches und türkisches Idiom den Schwaben noch fremder klang als unseres.

Einwanderung ist in Deutschland also nichts Neues und nichts Eindeutiges. Sie ist vielfältig und entgegen landläufiger Meinung auch kein Minderheitenproblem: Je nach Zuordnung und Rechnung verfügen heute 25 bis 40 Millionen Deutsche über einen migrantischen Hintergrund. Ich wüsste nicht, weshalb ich mich nicht dazurechnen sollte: Die Migration meiner Eltern bestimmte nachhaltig auch meinen Lebenslauf. Kaum weniger als bei den Jugendlichen, die wir heute „türkischstämmig“ nennen. Obwohl die meisten von ihnen ebenfalls hier geboren sind und vielfach die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Wohin sollen sie sonst gehören als hierher?

Wer also ist Migrant? Das hängt vom Grad der kulturellen Fremdheit an, der Einwanderern jeweils zugeschrieben wird. Faustregel: Je „östlicher“ oder „orientalischer“ die Herkunft, desto fremder.

So wird der Einwanderungsdiskurs nach wie vor als Fremdendiskurs geführt. Deutsch ist man bekanntlich, das kann man nicht einfach werden. Diese zähe Tradition bekommen die Migranten zu spüren: kulturelle Ausgrenzung, die zwischen einem deutschen „Wir“ und einem fremden „Die“ eine scharfe Trennlinie zieht. Wer „anders“ aussieht, der spürt die misstrauischen Blicke auf der Straße, hört die abfälligen Kommentare in der U-Bahn, erduldet routinemäßig Polizeikontrollen, erleidet die Sonderbehandlung beim Boarding auf dem Flughafen – täglich und trotz deutschen Passes!

Das sind „deutsche“ Demütigungen. Dagegen hilft nur Trotz und Besinnung auf das vermeintlich Eigene. Auf den Schutz durch Familie, Verwandtschaft, Freunde. Am meisten aber hilft offenbar der Rückzug in jenen Bereich, der vielen Migranten ganz eigen ist und fast allen Deutschen ganz fremd: in die muslimische Gemeinde. Dort scheint der Entwurf einer eigenen Identität tatsächlich möglich und vor allem erreichbar. Einer Identität als respektiertes Mitglied einer Gemeinschaft, die Wärme vermittelt, die sich auf feste Traditionen und Werte beruft und sich dadurch auch selbstbewusst von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzt. Kein Wunder, dass viele Jugendliche für sich nur diesen Weg offen sehen. Er erscheint ihnen als einziger Ausweg – ja: aus Heimatlosigkeit!

Ob diese Wahl stets selbstbestimmt ist, mag man bezweifeln. Unzweifelhaft jedoch ist es weniger elterlicher Zwang als vielmehr der Zwang dieser ausweglosen Umstände, der zur Islamisierung in der zweiten und dritten Einwanderergeneration führt. Islamisierung als einziger Lebensentwurf indes bedeutet noch weniger Zugang zur Mehrheitsgesellschaft. Auch weil die sich Muslime nicht als „Deutsche“ denken mag.

Das ist für die Jugendlichen fatal. Fataler aber noch ist dies für die deutsche Gesellschaft, der damit eine wesentliche kulturelle Ressource verlorengeht: die gesellschaftliche Erfahrung im Umgang mit Einwanderung. Denn Migration verkörpert heute eine kulturelle Globalisierung „von unten“: hohe soziale Kompetenz in der Entwicklung mobiler Lebensformen und transnationaler Lebensweisen. Wichtiges Wissen also für morgen, das wir systematisch ausblenden.

Wie sehr, verraten unsere Medien. In ihnen sind wir nach wie vor eine rein „deutsche“ Gesellschaft. Weder in Vorabendserien noch in Nachrichtensendungen tragen Rollen und Moderatoren „migrantische“ Züge und Namen – wenige Vorzeige-Roberto-Blancos ausgenommen. Dies ist insofern ehrlich, als es solche Gesichter in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder Polizei auch kaum gibt. Doch es ist zugleich dramatisch, weil Migranten in Deutschland damit beides fehlt: mögliche Identifikationen und Idole ebenso wie mögliche Gefühle von Normalität und Akzeptanz.

Haben wir also Parallelgesellschaften? Lebe ich sogar selbst schon wieder in einer, mitten in Kreuzberg? Gewiss nicht! Um mich herum werden jedenfalls keine parallelen „Gesellschaften“ aufgebaut. Von der Schule über die Wohnung bis zum Finanzamt leben alle sogenannten Migranten in den sozialen Strukturen und Räumen der Mehrheitsgesellschaft. Wohl aber gibt es „kulturell“ Eigenes. Eigene Familien- und Geselligkeitsformen, eigene Räume und Netzwerke. Doch ist diese kulturelle Vernetzung eine schon klassische Sozialtechnik beim Übergang aus einer Gesellschaft in eine andere. Da wirken landsmannschaftliche Bindungen, Vereine, Feste als kulturelle Schleusenkammern, die soziale Gefälle zwischen Herkunft und Zukunft ausgleichen helfen – mit manchmal langsamer, aber doch beharrlicher Schubwirkung hinein in die Gegenwart. Zugleich ist dies das allgemeine und unverwechselbare Kennzeichen urbaner Kultur: die Vielfalt wie die Differenz in der großen Stadt, in der „Heimat der Fremden“.

Was ich in Kreuzberg allerdings bemerke, ist ein verstärktes Denken und Reden in Differenzbegriffen. Die Rede von den „Ausländern“ ist auch hier auf dem Vormarsch. Und türkischstämmige Jugendliche entwickeln nun ihrerseits Strategien der aggressiven Verächtlichmachung der Mehrheitsgesellschaft. Vor allem dort, wo Deutsch zur Minderheitsposition wird. „Scheißdeutscher“ soll dem Mitschüler offenbar dasselbe Gefühl der Diskriminierung vermitteln, das der „Scheißtürke“ bereits erfahren hat. Es ist aber wohl auch ein Stück trotzige Selbstorientalisierung, mit der dabei gespielt wird, weil dieses Sich-Fremd-Machen auch ein Gefühl von Selbstachtung und Kraft vermittelt.

Andere entwickeln religiös-fundamentalistische Einstellungen, lehnen Christentum und Zivilgesellschaft radikal ab, werben im Extremfall sogar für Scharia oder Dschihad. Trotz aller Schlagzeilen betrifft dies freilich nur kleinste Gruppen. Und die dümmste Reaktion darauf ist, mehr als zweieinhalb Millionen Muslime in Deutschland deshalb unter den Generalverdacht des Fundamentalismus zu stellen.

Gerade wegen solcher Entwicklungen und Beobachtungen ist die Rede von der Parallelgesellschaft also nicht nur falsch. Sie ist als Argumentationsmuster im politischen Diskurs sogar gefährlich. Denn der Begriff produziert selbst eine kulturelle Differenz, die er vorgeblich diagnostiziert. Er zieht eine innere kulturelle Grenze in die Gesellschaft ein, die „uns“ wie „die anderen“ homogenisiert und essenzialisiert. Als seien wir einheitliche Gruppen und verschworene Gemeinschaften – christliche Deutsche gegen muslimische Migranten in einem lokalen „Krieg der Kulturen“. So fundamentalisiert er seinerseits vermeintliche Unterschiede, macht uns bewusst „fremd“ und verdeckt die vielfältigen alltäglichen Nähen und Übereinstimmungen, die vor den Türen von Moscheen und Kirchen unser Allagsleben längst auch verbinden und „transkulturell“ prägen. Vor einigen Jahren haben wir eine alte Mauer in Deutschland abgerissen. Wir sollten tunlichst keine neue bauen!

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