Meinung : Wie hilfreich ist das elektronische Klassenbuch?

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„Überhaupt nicht Lehrer-like“ vom 28. Juli

Ehe man darüber nachdenkt, Lehrern zu verbieten, ihre Schüler zeitnah über Unterrichtsausfall zu informieren oder den Eltern den nächsten Elternabend per E-Mail ans Herz zu legen, sollte das geplante elektronische Klassenbuch in Berlin auf den Prüfstand.

In der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Piratenpartei vom 9. März 2012 versichert die Bildungs-Senatsverwaltung noch, ein unbefugter Zugriff auf das elektronische Klassenbuch sei ausgeschlossen.

Wenn die SPD sich hier nicht lächerlich machen will, sollte sie schleunigst die Datenschutzbedenken der Piraten ernst nehmen und das Klassenbuch auf gutem alten Papier und im schulinternen Intranet belassen, anstatt den Zugriff der Lehrer auf die wirklich sensiblen Daten der Schüler über das Internet zu fördern.

Dr. Bettina Günter,

Berlin-Nikolassee

Sehr geehrte Frau Dr. Günter,

in Deutschlands Schulen sollte es eigentlich jeden Tag darum gehen, dass sich Kinder und Jugendliche wohl fühlen. Ein Blick über den berühmten Tellerrand hinweg zeigt, dass im Pisa-erfolgreichen Finnland das elektronische Klassenbuch zum Alltag gehört. Sensible Daten sind dort nicht zu finden, es geht vor allem um Anwesenheit und Aufgabenstellungen. Doch es gibt Regeln wie: „Wer nach dem Lehrer den Klassenraum betritt, der kommt zu spät“. Folglich markiert der Lehrer dies im elektronischen Klassenbuch. Genauso werden die Schüler farblich markiert, die erst gar nicht erscheinen.

Zunächst kein sichtbarer Unterschied zum Klassenbuch in Papierform. Doch die Eltern werden in die Lage versetzt, sich mit zwei Anmeldewörtern schon am Abend zu informieren, was tagsüber gelaufen ist. Ob der Sprössling tatsächlich in der Schule war und was sonst gelaufen ist. Damit sind die Eltern wieder direkt an der Erziehung ihres Kindes beteiligt. Der Erziehungsauftrag, der mehr und mehr nur der Schule übertragen wurde, ist zurückgekehrt, wo er hingehört, ins Elternhaus. Die Erziehungsberechtigten haben einfach die Pflicht sich zu informieren. Und dafür ist das elektronische Klassenbuch hilfreich.

Niemand um Helsinki herum diskutiert darüber, wenn der eine oder andere Schüler einmal zu spät kommt. Doch wenn jemand regelmäßig nach dem Lehrer den Klassenraum betritt, der nächste vielleicht gar nicht mehr auftaucht oder längere Zeit ohne Entschuldigung fehlt, so sind diese Probleme sofort erkannt.

Schneller als in Berlin, Düsseldorf oder München, wo zunächst der Lehrer, auch Verwaltungskräfte oder Schulsozialarbeiter das Klassenbuch unter die Lupe nehmen müssen, um Fehlzeiten zu ermitteln. Die Lehrer müssen dann noch per Telefon Meldung erstatten, und oft erreichen sie niemanden.

Natürlich sind damit nicht alle Probleme grundsätzlich gelöst. Doch in Finnland sitzen alle spürbar in einem Boot. „Ich erfahre nichts, mein Kind sagt immer, ich habe alles schon in der Schule erledigt“. Diesen Satz bekomme ich oft genug von frustrierten Eltern zu hören. Sie erziehen Kinder mit Konzentrationsproblemen oder Kinder, deren Entwicklung nicht planmäßig verläuft, die nicht in der Lage sind, jeden Tag alle Aufgaben fein säuberlich aufzuschreiben. Ein elektronisches Klassenbuch, Marke Finnland, könnte da schnell Abhilfe schaffen und etliche belastende Auseinandersetzungen wären überflüssig.

„Wir können es uns nicht leisten, einen einzigen Schüler zurückzulassen“, lautet eine Vereinbarung bei den Pisa-Gewinnern. Leider hat dieser Satz im bevölkerungsreichen Deutschland bei noch zu wenigen Politikern, Pädagogen, Datenschützern und anderen, die sich sonst noch um das Wohl des Kindes kümmern, Einzug gehalten. Vielmehr wird hier der gläserne Schüler gefürchtet. Und selbst in den gar nicht so weit entfernten Niederlanden gibt es Kompetenzteams in Schulen über Datenschutzgrenzen hinweg. Dort beraten dann bei gravierenden Fällen Jugendamt, Lehrer, Schul-Sozialarbeiter, Sonderpädagogen oder gar die Polizei gemeinsam, was zu tun ist.

In Finnland gibt es zudem „Wohlfühlteams“ mit ergänzenden Schulärzten, Psychologen und Kinderkrankenschwestern, die sich um die Kinder und Jugendlichen kümmern, einen Arztbesuch den Eltern in Einzelfällen sogar abnehmen. Und das elektronische Klassenbuch ist immer dabei, jederzeit aktuell. Es unterstützt professionell handelnde Menschen, die ihr Handwerk verstehen. Dabei ist es natürlich wichtig, Nähe und Distanz zwischen Erwachsenen und Schülern zu halten. Doch diese Haltung ist nicht neu und sie existierte schon lange, bevor es facebook gab.

Schule in Deutschland sollte endlich mit Geld ausgestattet werden, damit solche elektronischen Unterstützungssysteme installiert werden. Mit Bedacht und Umsicht. Aber nicht losgelöst von gut ausgebildeten Lehrern, von versierten Verwaltungs- und IT-Experten, von gut bezahlten Sozialarbeitern sowie ausreichenden Hilfskräften, die dann gemeinsam Schule auf Augenhöhe machen.

— Peter Schroers, Schul-Sozialarbeiter, Krefeld

Mitglied im Sprecherkreis der Landes-Arbeits-

Gemeinschaft Schul-Sozialarbeit NRW

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