Meinung : Wie ich lernte, den Fußball zu lieben

Wir betrachten die Dinge mit jungen und alten Augen

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Liebe Kerstin Kohlenberg, als meine Tochter noch keine Fünf war, habe ich sie mit nach Salzburg genommen. Klaglos, ja begeistert hat sie mit mir viereinhalb Stunden „Entführung aus dem Serail“ durchgestanden, genossen. Das ist so geblieben, noch jetzt, wo sie studiert, hören, sehen wir zusammen Mozart. Mit Söhnen ist das anders. Der jüngste hat am glücklichsten mit mir aus Ecuador telefoniert, als Bremen deutscher Fußballmeister wurde. Und mit dem Ältesten, obwohl Theaterregisseur und Intendant, verbindet mich vor allem Fußball: im Stadion, als er selbst kickte, im Fernsehen. Wie ist das bei Ihnen, schauen Sie Fußball? Mit ihren Freunden? Ihren Freundinnen? Oder lästern Sie über Fußball ab? Nun kommen Sie mir nicht damit, dass Fußball längst auch Frauensache sei, schließlich sind nur die deutschen Fußballerinnen Weltmeister, zurzeit. Aber Traumfußball, das ist eigentlich eher Handball – nur mit den Füßen: ohne Blutgrätsche, ohne Notbremse und gestrecktes Bein, ohne rote Karte. Eben kein ErsatzKrieg. Ihr Hellmuth Karasek

Lieber Hellmuth Karasek, ich war mal in einem Fußballumerziehungslager. Das fing so an: Ein Junge wollte mir mir nach Norwegen fahren. Sonne, Sommer, Fjord hieß es. Regen, Hütte, Cord war es. Aber da war gerade WM, und die Hütte hatte einen riesigen Fernseher. 24 Spiele habe ich in 14 Tagen gesehen. Ich kam mir vor wie diese Mäuse, an denen sie die Wirkung von Alkopops auf junge Menschen erforscht haben. Mäuse mögen von Geburt aus keinen Alkohol. Jeden Tag eine Pipette mit verzuckertem Alkohol hat sie aber überzeugt. Hey, dachten die Mäuse, das knallt ja ganz schön rein, jetzt konnten die Forscher den Zucker weglassen. Die Mäuse soffen glücklich weiter. Ich habe da in Norwegen die Spielernamen, die Technik und das Jubeln gelernt. Und als die Sonne kam, habe ich die Vorhänge zugezogen. Dann war das Lager zu Ende, die Deutschen wurden Zweiter, und wir fuhren wieder nach Hause. Kurz vor Berlin machten wir die Musik an. Klassik- Radio. Es muss wohl Mozart gewesen sein. Ich habe seitdem nie wieder ein Spiel geguckt. Ihre Kerstin Kohlenberg

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