Meinung : Wie können wir mit gefallenen Helden umgehen?

Foto: promo
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„Schattenseiten des Sports“ und „Spritzensportler“vom 25. August

In der Aufzählung der „Wunder-Anabol-

Sprinter“ fehlt der berühmteste

„Drogen-Sprinter-und-Springer“ Carl Lewis!

Inzwischen ist bekannt, dass der auch noch heute immer wieder hochgelobte Athlet in seiner aktiven Zeit gedopt war!

Dem amerikanischen Leichtathletikverband und dem Nationalen Olympischen Komitee der USA war dies, wie wir seit langem wissen, vor den Spielen bekannt! Sie haben ihn weder gesperrt noch das Internationale Olympische Komitee unterrichtet. Es gab damals zwar Medienberichte, jedoch Sanktionen gegen die USA

(zum Beispiel der Ausschluss der US-Leichtathleten von den Olympischen Spielen) waren undenkbar.

Dass Lewis auch heute noch insbesondere von den Medien als der große Vorbildathlet gepriesen wird, ist unverantwortlich. Wenn jetzt Lance Armstrong und anderen die Toursiege aberkannt werden, muss das erst recht für die olympischen Medaillen von Lewis gelten!

Volkmar Zilch, Berlin/Lychen

Sehr geehrter Herr Zilch,

ein schwieriger Fall, den Sie ansprechen, und Carl Lewis ist in der Tat eine schillernde Figur. Wir haben in der deutschen Leichtathletik auch unsere Erfahrungen mit der belasteten Vergangenheit gesammelt, mit belasteten Ergebnissen und Rekorden. Dabei mussten wir vor allem einsehen, dass es einen Unterschied gibt zwischen der ethischen und der juristischen Aufarbeitung.

Es gibt in der deutschen Sportgeschichte einige Rekorde, die wohl im Zusammenhang mit Doping stehen. Eine Athletin, Ines Geipel, hat sich sogar aus der Rekordliste streichen lassen, weil sie weiß, dass ihre Leistung damals auch durch Dopingmittel zustande gekommen ist. Ihre Haltung verdient höchsten Respekt. Als wir uns mit diesem Thema beschäftigt haben, kam allerdings auch sofort Post von Anwälten, die mit allen rechtlichen Mitteln drohten, falls wir ihren Mandantinnen die Rekorde aberkennen sollten.

Der Liste der Deutschen Rekorde haben wir daher eine Präambel vorangestellt, in der es unter anderem heißt: „In der nachfolgenden Rekordliste stehen nach heutigen Erkenntnissen einige Rekordhalter unter dem Verdacht, während ihrer leistungssportlichen Laufbahn gegen die Antidoping-Regeln verstoßen zu haben. Darüber hinaus wurde ein Teil der Rekorde auf der Basis von Zwangsdoping und Doping in Form von strafrechtlich relevanter Körperverletzung erzielt.“

Dopingverstöße sind nach acht Jahren verjährt. Deshalb kann auch der Fall Carl Lewis nicht mehr juristisch aufgearbeitet werden. Es geht allerdings, wie Sie angesprochen haben, auch um den Umgang mit sogenannten Helden insgesamt. Wir hatten früher mehrere Ehrenpreise, die nach bekannten Persönlichkeiten benannt waren, etwa den Carl-Diem-Schild. Wir haben diesen Preis umbenannt in DLV-Ehrenschild. Die Verklärung von Personen ist immer mit einem Risiko behaftet. Wir können uns daher nur um größtmögliche Transparenz im Umgang mit Personen bemühen und uns an die Fakten halten. Wir als Verband propagieren kein verklärtes Heldentum im Sport. Jeder muss für sich selbst entscheiden, wen er als Vorbild anerkennt und wen nicht. Das Vorbildhafte ist eine Frage des subjektiven Anspruchs.

Zum Glück wird der Dopingbekämpfung inzwischen von nationalen und internationalen Sportverbänden eine deutlich höhere Wertigkeit eingeräumt als noch vor einigen Jahrzehnten. Es ist vielen bewusst geworden, dass die Frage der Glaubwürdigkeit entscheidend ist für die Zukunft des Sports. Auch wir im Deutschen Leichtathletik-Verband versuchen, unser Möglichstes zu tun. Von allen deutschen Sportverbänden haben wir das größte Programm an Trainingskontrollen, 1000 solcher Trainingskontrollen lassen wir jedes Jahr durchführen, weil wir wissen, dass sie besonders wichtig sind, und Doper oft ihre Substanzen vor dem Wettkampf absetzen und dann nicht mehr zu überführen sind. Wir arbeiten auch mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur eng zusammen, wenn es um Blut- und Steroidprofile geht. Mit diesen Profilen lassen sich Dopingvergehen auch indirekt nachweisen, also auch ohne einzelne positive Probe.

Bei unserem Vorgehen werden wir auch von unseren Athleten unterstützt. Erstaunlicherweise haben sie oft eine viel rigorosere Haltung bei der Dopingbekämpfung als man annehmen könnte. Unsere Kugelstoßerin Nadine Kleinert hat erst kürzlich gesagt, dass die Strafen drastischer sein müssten und es sich Doper dreimal überlegen würden, wenn sie mit Gefängnis bestraft werden würden. Größere Fortschritte im Kampf gegen Doping werden wir nach meiner Überzeugung auch erst machen, wenn der Staat eine stärkere Rolle einnimmt als bisher. Wenn nicht nur der Besitz von größeren Mengen an Dopingmitteln unter Strafe steht, sondern auch Doping selbst eine Straftat ist.

— Dr. Clemens Prokop, Präsident des

Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Darmstadt

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