Meinung : Wie kommen wir zum Gipfel?

Wir betrachten die Dinge mit jungen und alten Augen

Ihre Kerstin Kohlenberg

Lieber Hellmuth Karasek,ich habe gestern einen Brief von Studenten bekommen, darin geht es so ein bisschen um netzwerken. Sie wollen Kontakt aufbauen, um auf Bewerbungsideen zu kommen. Früher hätte man dazu wohl Seilschaften gesagt, das klingt viel anrüchiger, da erschleicht sich jemand eine Leistung, die ihm nicht zusteht. Obwohl es ja ursprünglich ein ganz kernig-alpiner Begriff ist. Sich anseilen und sichern bis zum Gipfel. Dabei klingt Netzwerk viel eher nach Netz und doppeltem Boden, und dennoch denkt man heute: richtig gemacht. Komisch. Hat das mit unserer veränderten Vorstellung von Leistung zu tun? Ein Kollege sagte letztens, genau deshalb geht er nicht mehr zu seinen Diplom-Treffs, die hoffen nur, dass man ihnen Jobs zuschiebt, und eine Studie hat ergeben, dass Leistung für viele eine diffuse Angelegenheit ist, zu der man nicht mehr nur durch Arbeit kommt. Was glauben Sie, sagen in Deutschland zu viele Leute Networking, meinen doch Seilschaft und träumen nachts von der vertrauten 40-Stunden-Woche?

Liebe Frau Kohlenberg, „Der Starke ist am mächtigsten allein“, tönt eigenbrötlerisch selbstsicher Wilhelm Tell und verweigert sich, obwohl im Gebirge, den Seilschaften der Eidgenossen. Was dabei rauskommt? Ein terroristisches Attentat auf die Habsburger; ein paar Jahrhunderte später, siehe Sarajewo, hat so was zum Weltkrieg geführt. Seilschaften sind da eine echte Alternative, jedenfalls so lange es hinaufgeht, beim Matterhorn und der Karriere. Oben angekommen wirft der Sieger die anderen ohnehin als Ballast ab, siehe Schröder, Lafontaine, Scharping, die Enkel-Seilschaft. Weil er nicht an den Abstieg denkt; das aber rächt sich, siehe Scharpings Kälte-Vorwurf und Lafontaines Rücktrittsforderung. Da doch lieber Netzwerke; zwar meinen sie Kommunikation, aber sind doch auch, jedenfalls im politischen Zirkus, Fangvorrichtungen der Sicherheit. Stürzt man vom Seil, fällt man nicht ins Bodenlose. Und auch nicht in die Messer der zurückgestoßenen Seilschaft. Wir schwachen Menschen sind im Netz nicht schlecht aufgehoben, herzlich Hellmuth Karasek

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