Meinung : Wie Lernen funktionieren könnte

„Die Zeit des Postkutschenföderalismus ist vorbei“ vom 2. Oktober

Mit besonderem und berechtigtem Nachdruck mahnt Hans-Dietrich Genscher Qualitätsverbesserungen im Bereich der allgemeinbildenden Schulen an. Er weiß, dass es dringend der Ausschöpfung des gesamten Potenzials an wissenschaftlich erarbeiteten Erkenntnissen und in der Praxis der Bildungsarbeit empirisch gewonnener Erfahrungen bedarf.

Von Hans-Dietrich Genscher selbst kann man natürlich nicht erwarten, dass es ihm gelänge, die in unserem Schulwesen aller Länder sichtbar werdenden Missstände und von ihm beispielhaft angemerkten Mangelerscheinungen sachgerecht zu bewerten. So kann sein Hinweis auf dringend erforderliche Reduzierung der Klassenstärke zwar niemals nachteilig für Lernerfolge sein, sie erfüllt aber gewiss nicht grundsätzlich die in sie gesetzten Hoffnungen, denn auch mit weniger Schülern und verstärkter persönlicher Zuwendung lässt sich schlechter Unterricht machen und umgekehrt lassen sich auch mit vielen Lernenden glänzende Erfolge erzielen. Auch stellt sich sogar die Frage, ob es überhaupt so wichtig ist, erfolgreich „Wissensvermittlung“ zu betreiben, wenn dabei die Befähigung versäumt wird, erworbenes Wissen instrumentell zum selbständigen Erwerb weiteren Wissens zu verwenden.

Wenn Genscher eine Verbesserung auch der Lehrerbildung fordert, ist ihm auch hierin vorbehaltlos zuzustimmen, gibt es doch begründbaren Verdacht, dass allzu viele Lehrer nicht wissen, wie Lernen wirklich funktioniert, wie sich Bewusstseinsveränderungen im Sinne von Lernen am besten im Spuren hinterlassenden Handeln, d. h. in überprüfbaren, sinnhaft wahrnehmbaren Handlungserfolgen vollzieht. Lehrer müssen befähigt sein, solche Prozesse, die zumeist eine starke Eigendynamik zu gewinnen vermögen, in Gang zu setzen, ein Phänomen, das allgemein als Motivation bekannt ist, welche in unseren Schulen mit häufig allein handelnden Lehrern allzu oft verkümmert.

Dazu bedarf es allerdings in unseren Schulen einer ganz anderen Ausstattung mit Arbeitsmitteln für selbständiges Lernhandeln, als sie gegenwärtig verfügbar ist. Nur auf diesem Wege ist die Verbesserung von Bildungserfolgen hochwirksam zu erzielen. Nur auf diese Weise ist Lernmotivation zu erreichen und zugleich die Fähigkeit zum eigentlich anzustrebenden „systemischen Denken“ zu erzeugen.

Systemisches Denken bedeutet nichts anderes als das Begreifen von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen. Dieses wiederum vermittelt die wertvolle Eignung zur Übertragung von Wirkungserkenntnissen in andere Funktionszusammenhänge. Es bleibt zu hoffen, dass es bald zur Bildung eines von Genscher geforderten Beirates kommt, in dem vor allem Didaktiker vertreten sind, die wirklich wissen, wie Lernen funktioniert.

Prof. Herbert Breyer, Berlin-Zehlendorf

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