Meinung : Wie renoviert man eine Autobahn?

Foto: promo
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Sehr geehrte Redaktion,

ich las heute im Editorial zur neuen Aufmachung, dass sie auch Anstöße geben wollen. Da möchte ich einen Vorschlag machen. Erklären sie uns „Insulanern“ doch mal ganz neutral „Wie renoviert man eine Autobahn?“

Wegen der Krankheit meiner Eltern pendele ich einmal pro Woche zwischen Berlin und Niedersachsen. Ich komme jedes Mal an der Avus- und an der A7-Baustelle bei Bockenem vorbei. Die Avus-Baustelle ist (montags oder dienstags ca. 11:00 Uhr) leer, wenig Leute, sehr wenig Gerät, einige alte Laster stehen herum, kaum Bewegung.

Die A7-Baustelle ca. zwei Stunden später ist exakt der Gegenentwurf: Viele Leute, erstklassiges Gerät, alles wuselt, klarer Fortschritt von Woche zu Woche.

Bei der Rückfahrt ein, zwei Tage später das gleiche Bild.

Gerade weil ich als Zugereister vor mehr als 20 Jahren so wenig Ahnung davon habe, aber auch weil ich mir die mehrjährige Betroffenheit der vielen Pendler vorstelle: Wie sehen denn die zeitgemäßen Konzepte aus? So wie wir es hier in Berlin machen? Oder eher wie an der A7-Baustelle bei Bockenem?

J. Nill, Berlin

PS: Ja, ja, da kommen dann wieder die berlintypischen Gründe, oder?

Vielen Dank für die Frage, die mir Gelegenheit gibt, mit ein paar Irrtümern aufzuräumen, die meist einer zufälligen, punktuellen Beobachtung geschuldet sind.

Stellen Sie sich mal ein Orchester vor, in dem sämtliche Musiker ständig ihr Instrument bearbeiten. Ein schönes Konzert käme dabei sicher nicht heraus, aber alle sehen schwer beschäftigt aus.

Genauso ist es natürlich auch mit dem Bau oder der Grundsanierung einer Autobahn. Jedes Instrument, das heißt jeder Bauarbeiter, hat in diesem Konzert seinen festgelegten Einsatz, damit das Ganze möglichst schnell und wirtschaftlich abgewickelt werden kann. Und genauso ist es natürlich auch mit den Maschinen.

Wären Sie vor fünf Wochen an der Avus-Baustelle vorbeigekommen, hätten Sie die technologisch neuesten überbreiten Fräsmaschinen bei der Arbeit sehen können. Es ist zugegebenermaßen für den Laien auch sehr schwer, aus dem vorbeifahrenden Auto die Qualität einer Baumaschine beurteilen zu können, wobei klar ist: ein sauberer Lastwagen schafft auch nicht mehr Schutt von einer Baustelle als ein Lastwagen, der im Vorbeifahren staubig und verbeult aussieht.

Ich will aber gerne auch konkret auf Ihren Vergleich mit der Baustelle Bokenem eingehen: Dort wird ein Autobahnteilstück erneuert und ausgebaut, das nicht wesentlich länger ist als die Avus-Sanierungsstrecke, weniger Ein- und Ausfahrten hat und mehr Platz für die Baustellenfahrzeuge, trotz jeweils zweispuriger Baustellen-Verkehrsführung. Dennoch braucht das Ganze von April 2011 bis Sommer 2013, also acht Monate länger als die Avus-Sanierung und ist mehr als doppelt so teuer, was zugegebenermaßen mit der Verbreiterung auf sechs Spuren zu tun hat.

Das, was Sie jetzt als klaren Fortschritt von Woche zu Woche sehen, muss deshalb aber nicht unbedingt auch in Zukunft so bleiben. Naturgemäß gibt es bei jeder Baumaßnahme Phasen sichtbarer Aktivitäten wie zum Beispiel den Einbau der Trag- und Deckschichten mit beeindruckendem Geräte- und Personaleinsatz.

Im Gegensatz dazu gibt es gerade bei Linienbaustellen Zeiträume, in denen Sie weniger Bauaktivitäten sehen können. Das ist auch an der A 7 so. Dazu gehören beispielsweise Abbindezeiten für Beton oder Bauarbeiten im unterirdischen Raum beziehungsweise unterhalb der Brücken.

Jedenfalls lässt sich mit bloßem Auge nicht erkennen, ob ein Beton durchgetrocknet ist, auch wenn das Bauwerk vielleicht schon stabil und fertig aussieht. Gerade diese Brückenbauwerke bremsen häufig das Tempo der Gesamtarbeiten, so dass die Strecke zwischen diesen Bauwerken oft als „verlassen“ wahrgenommen wird. Aber an Bauphysik kann niemand vorbei. Nehmen Sie ein Soufflé zu früh aus dem Ofen, fällt es zusammen.

Wegen der hohen Verkehrsbelastung und damit auch weiterhin der Verkehr rollen kann, erfolgt die Sanierung der Avus in vier Bauabschnitten. Es ist uns gelungen, die Einschränkungen des Verkehrs und damit einhergehender Belastungen der Bevölkerung so weit wie möglich zu minimieren.

Unter den an der Avus gegebenen topografischen Bedingungen bin ich sehr stolz auf die Arbeit unserer Bauplaner. Und als zusätzlicher Beschleunigungsanreiz kann das Bauunternehmen sogar eine Bonuszahlung bekommen, wenn es schneller fertig wird als geplant. Insofern ist Ihre Beobachtung, dass an der A 7 geradezu alles wuselt und hier Stillstand herrscht, schlicht ein Irrtum, den Sie jetzt sicher auch verstehen können.

— Maria Krautzberger, Berliner Staatssekretärin

für Verkehr und Stadtentwicklung

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