Meinung : Wie schmeckt wohl Knut?

Roger Boyes, The Times

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Gott sei Dank, es ist Ostern. Normalerweise habe ich keine Probleme mit meinem 40-Tage-Fastenprogramm. Im vergangenen Jahr habe ich auf Erdnüsse verzichtet, im Jahr davor auf Mojitos. In diesem Jahr habe ich auf Zwiebeln verzichtet, auf Paprika, roten Pfeffer, Wowereitkritik, Chili, Bei-Rot-über-die- Straße-Gehen, Knoblauch und darauf, im Bad Elvis zu hören. Es sieht also nach einem Granaten- Ostersonntag aus: Wenn Sie einen Atompilz über meiner Grunewalder Nachbarschaft aufsteigen sehen, dann wissen Sie, dass ich alle meine Fastenvorhaben in einem einzigen bombastischen Augenblick beendet habe.

Fleisch, Sie werden es bemerkt haben, kommt in meiner Liste nicht vor. Ich bin nämlich nicht überzeugt, dass die Kirchenväter wirklich wollten, dass wir auf Fleisch verzichten. Es ging ihnen vielmehr um die Sünden des Fleisches, um Völlerei und Lust, nicht um ein Steak mit Pommes. Vielleicht liege ich falsch, und Blockhouse und Maredo werden Samstagnacht von einem göttlichen Blitz getroffen, ich glaube aber nicht. Wer sich nicht sicher ist, soll eine Ofenkartoffel bestellen.

Die ganze Woche schon geht mir das Fleisch nicht aus dem Kopf. Wie alle Berliner finde ich es natürlich absurd, einen Bären im Zoo umzubringen, weil er nicht artgerecht aufwächst. Und trotzdem fragt man sich: Wie schmecken Eisbären eigentlich? Zart – oder zäh? Süßlich? Und wonach schmeckt der Panda Yan Yan? Die arme chinesische Exilantin bewies vor einigen Tagen, dass sie, nach 22 Jahren, eine Berlinerin geworden war – indem sie an einem Darmverschluss starb.

Vor kurzem tauchte in einem Nachbargarten ein Wildschwein auf. Die Polizei wurde gerufen, und weil sie (seit 1945) Wildschweine nicht mehr abschießen darf, wurde es betäubt und abtransportiert. Was danach passierte, weiß ich nicht. Aber wir Nachbarn waren uns einig, dass man es hätte abschießen und grillen sollen. Wildschweine sind zu einem Ärgernis geworden, anders als Eisbären. Fragen Sie jeden, der in letzter Zeit die Königsallee langgefahren ist und bremsen musste wegen einer Sau und ihrer Frischlinge, die wie auf einem Kitaausflug über die Straße watschelten.

Die meisten Deutschen, die ich kenne, haben ein ganz persönliches Regelsystem entwickelt, wann man ein Tier töten darf und wann nicht. Sie verachten die britische Fuchsjagd – nicht weil sie gegen das Töten von mehr oder minder sympathischen Tieren wären, sondern weil die Briten die Füchse nicht aufessen. Die Jagd ist inzwischen ohnehin verboten, aber vermutlich eher wegen eines Anglo-Bolschewismus, der den Anblick von fetten reichen Männern in roten Jacken und engen weißen Hosen nicht erträgt, die ihre Pferde durchs Gelände peitschen wie Kavallerie-Offiziere. Das britische Verbot hat weniger mit Tierliebe zu tun – der Fuchs wird meistens von den Hunden zerrissen – als mit sozialistischer Ästhetik. Oscar Wilde nannte die Fuchsjagd „das Streben der Unsäglichen nach dem Ungenießbaren“. Das ist genau, worauf es den Deutschen ankommt: Sie halten Jagen zum Spaß oder als soziale Angeberei – und nicht wegen der Nahrung – für unmoralisch. Würden die Briten Fuchs-Burger, Fuchs-Schnitzel oder Fuchs-Kebabs jagen, wäre alles in Ordnung. Ich teile die deutsche Sichtweise. Es ist nicht unmoralisch, Tiere zu töten, und auch nicht, ihr Fleisch zu essen. Das Argument der Vegetarier, dass Tiere Rechte wie Menschen haben, ist falsch. Aus der Bibel lässt sich ableiten, dass Christen Respekt für alle Geschöpfe Gottes haben sollen. Aber das heißt nicht, dass vor Gott Menschen und Tiere gleich sind. Tiere sind in erster Linie Lebensmittellieferanten. Einige wie Knut sind süß; andere wie mein Hund gute Begleiter. Aber das ist nicht ihre Hauptbestimmung.

Das ganze Fleischgeschäft ist nicht schön, aber darum geht es mir am Ende der Fastenzeit ja gerade. Fleisch sollte man nicht als für gegeben annehmen. Schüler sollten Bauernhöfe und auch Schlachthäuser besuchen – nicht um sie zu traumatisieren oder zu Vegetariern zu machen, aber damit sie verstehen, dass Fleisch in der Natur nicht in Frischhaltefolie zu finden ist oder in einem Hamburger. Fleisch kommt auf vier Beinen. Die Hysterie um Knut ist nicht einfach nur eine Medienmanipulation. Sie verwischt die Grenze zwischen Mensch und Tier. Wir machen uns klein, wenn wir den Status von Knut erhöhen. Wilde Tiere sind Fleisch, während Menschen eine Seele haben, die kultiviert, gepflegt und geschützt werden muss. Wir müssen für die Würde des Menschen kämpfen; Eisbären müssen nur für einen Bauch voller Robben kämpfen.

Trotzdem: Frohe Ostern Knut. Wir versprechen, dich nicht zu verspeisen. Noch nicht.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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