Meinung : Wie soll die Bildungsrevolution funktionieren, Herr Precht?

Foto: Jens Komossa
Foto: Jens Komossa

Schulpolitik in Deutschland: Precht fordert Revolution des Bildungssystems vom 23. April

Den Rezensenten von Prechts neuestem Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“ stimmt Prechts „Radikalität“, mit der das Schulsystem „umgebaut werden sollte“, sympathisch. Warum eigentlich? Dem Autor geht es nicht um Reformen, sondern um eine „Bildungsrevolution“. Das „Plädoyer für eine neue Schule“ – da hat Hamburgs Schulsenator recht – ist realitätsfern. Der Untertitel der Rezension „Kinder brauchen Bildung, nicht Ausbildung“ , der die Stoßrichtung Prechts zusammenfassen will, ist äußerst merkwürdig: Wie versteht der Rezensent die Begriffe „Bildung“ und „Ausbildung“? Wie sieht eine von der Schule vermittelte Bildung aus, die auf Ausbildung verzichtet? Was kann und soll die Schule leisten? Wo bleibt die Forderung: Die Schule soll Wissen vermitteln? Nicht alle Schüler sind so motiviert, dass der Lehrer nur „Begleiter“ sein sollte. Und die Schule kann auch nicht die Funktionen des Elternhauses übernehmen.

Dr. Eva Krüger, Berlin-Grunewald

Sehr geehrte Frau Krüger,

in Ihrem Leserbrief stellen Sie an mich eine ganze Reihe von Fragen, die ich Ihnen hiermit gern in Kürze beantworte. Zunächst einmal möchte ich Sie beruhigen in Bezug auf Ihre Angst vor dem Wort „Revolution“ auf dem Bildungssektor. Revolution ist ja kein per se negatives Wort. Die industrielle Revolution, die digitale Revolution und die friedliche Revolution in der DDR – all diese Revolutionen sind vermutlich auch in Ihren Augen weder angsteinflößend noch negativ. Dabei bietet sich bei der Revolution unseres Schulsystems besonders der Vergleich mit der digitalen Revolution der letzten zehn Jahre an. Eine rasche Folge von kleinen Schritten hat hier innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit unsere Gesellschaft sehr stark verändert. So ähnlich stelle ich mir die Bildungsrevolution vor. Diese Bildungsrevolution ist auch alles andere als „realitätsfern“, wie Sie vermuten. Sie ist in vielen Industrienationen bereits erfolgt oder im Gange – übrigens sämtlich in Staaten, die bei Vergleichsstudien zur schulischen Leistung weit besser abschneiden als Deutschland! Wir haben hier viel verpasst und aufzuholen – und zwar sowohl pädagogisch, wie institutionell und politisch.

All diese Frage werden in meinem Buch ausführlich beleuchtet und diskutiert. Dabei behandele ich auch sehr umfangreich die von Ihnen aufgegriffene Frage nach dem Verhältnis von Bildung und Ausbildung. Wichtig ist mir, dass Bildung nicht auf Ausbildung verkürzt wird, das heißt auf die Frage: Wie bilde ich unsere Kinder gezielt für die Bedürfnisse der Wirtschaft aus. Ich versuche dabei zu zeigen, dass so etwas gar nicht geht, denn die Bedürfnisse der Wirtschaft sind äußerst widersprüchlich und wechseln zudem in erstaunlich schneller Zeit.

Besonders am Herzen liegt mir zudem Ihre Frage: Wie kann und soll die Schule Wissen vermitteln? Meiner Ansicht nach versagen unsere Schulen hier gegenwärtig nahezu auf ganzer Linie. Von den gewaltigen Stoffmengen, mit denen unsere Kinder traktiert werden, bleibt ja normalerweise kaum etwas übrig. Selbst Dreiviertel aller Germanistik-Studenten wissen nicht, zu welcher grammatikalischen Wortgruppe das Wort „manche“ gehört. Wissen Sie noch, Frau Krüger, was die „Goldene Bulle“ ist? Können Sie Ihren Kindern erklären, was ein Integral ist? Oder leichter noch: was Strom ist?

Bildungsforscher gehen davon aus, dass von

unserem Schulstoff vielleicht 1- 2 Prozent wirklich als echtes Wissen übrigbleiben – ein erschreckendes Resultat! Woran liegt das? Weil wir,

so vermute ich, falsch lernen! Wir lernen in Fächern statt in Zusammenhängen, und wir lernen für Klausuren statt für das Leben. So aber füllen wir den Stoff (was für ein blödes Wort) viel zu wenig mit Sinn und Bedeutung, und folglich bleibt dieser Stoff für unsere Bildungsbiografie wertlos. Mit einem Wort: Unsere Schulen sind mir viel zu ineffektiv und vom Bildungsniveau her zu schlecht.

Stellen Sie sich des Erkenntniswertes halber mal vor, es gäbe keine Schulen. Sie wären noch nicht erfunden. Und wir beide, Frau Krüger, Sie und ich, wir würden uns überlegen, was wir mit Kindern und Jugendlichen im Alter von 6 bis 18 Jahren tun würden, um sie auf ihr späteres Leben vorzubereiten. Wie würden wir vorgehen? Wir würden vermutlich anfangen, Hirnforscher, Entwicklungspsychologen und Lernforscher zu fragen, wie Lernen funktioniert und was in den Gehirnen von Kindern vor sich geht. Und am Ende käme bei unseren Anstrengungen etwas dabei heraus, das kaum eine Ähnlichkeit hat mit den meisten heute in Deutschland bestehenden Schulen. Einverstanden? Das ist es, was ich mit meiner Bildungsrevolution meine. Für alle weiteren Details zur politischen Durchsetzbarkeit, zur Lehrerausbildung, zu stärker sinnstiftendem Unterricht, zur Schülermotivation usw. kann ich hier leider nur auf mein Buch verweisen.

Ganz herzlich, Ihr

Richard David Precht

— Richard David Precht,

Philosoph, Publizist und Autor

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