Meinung : Wie wirtschaftlich ist Kultur?

Foto: SPD
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„Kunst kommt von Kosten“ vom 12. Januar

Der Aufmacher ist hoffentlich nicht ernst gemeint, sondern als Provokation zur Teilnahme an der Debatte: „Wie soll Berlin sein Geld verteilen?“ Die Ausführungen von Ulrich Zawatka-Gerlach jedenfalls vermitteln ein ebenso verzerrtes Bild wie die Bärengrafik, die den weniger statistikkundigen Betrachter vermuten lässt, dass mindestens die Hälfte aller Zuwendungen der öffentlichen Hand allein zwei von drei großen Opernhäusern der Stadt zufließen. Dazu passt dann die erstaunliche Feststellung, dass „Popkonzerte ... künstlerisch genauso wertvoll sind wie Verdis Rigoletto“ – entsprechend wohl dem Vergleich zwischen einem Abend mit Udo Lindenberg und „Figaros Hochzeit“ oder zwischen der gerade die Charts anführenden Gruppe XY und „Tannhäuser“ etc. Wenn sich die öffentliche Kulturförderung „weitgehend rationalen Überlegungen entzieht“, da es „in der Welt der Künste objektive Kriterien nicht gibt“, dann bliebe wohl nur die gleichmäßige Subventionierung jeder Eintrittskarte im Angebot des Kulturbetriebs im weitesten Sinn. Was für eine kulturpolitische Vision!

Michael Jenne, Berlin-Wannsee

Ich verstehe die Reaktion von Michael Jenne sehr gut. Allerdings denke ich, dass die Aussagen zu „Kunst kommt von Kosten“ ernst gemeint waren – für mich eine Horrorvision! Immer wieder kommt es beim Thema Kulturförderung in unserer Stadt zu heftigen Gefühlswallungen, die letztendlich darin gipfeln, eines der drei Opernhäuser zu schließen.

Als Kulturpolitikerin deshalb ein paar Anmerkungen zu diesem Thema: Kultur ist ein öffentliches Gut. In unserem Land ist es Aufgabe des Staates, Kunst und Kultur zu pflegen, als gesellschaftliche Kraft zu schützen und zu fördern. Das machen wir in Berlin sehr erfolgreich. Berlin hat sich zu einer der interessantesten Kulturmetropolen der Welt entwickelt. Die Berliner Kulturlandschaft ist ein Markenzeichen der Stadt und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Neben den Museen, den Theatern, der vielfältigen Tanz- und Offszene sind es unsere Opernhäuser, die sich zu Touristenmagneten entwickelt haben. Nach einer Umfrage von „Visit Berlin“ (Berlin Tourismus Marketing GmbH) kommen fünf von sieben Touristen nach Berlin, um gezielt Kultureinrichtungen zu besuchen und 31 Prozent davon wegen der Opern. Hotels, Restaurants etc. profitieren davon mehr als genug.

Leider war es nach dem sanierungsbedingten Umzug der Staatsoper in das Schillertheater notwendig, den Zuschuss zu erhöhen, um den Spielbetrieb in der kleineren Spielstätte zu gewährleisten. Das ist zeitlich begrenzt und hat mit der Wiedereröffnung der Staatsoper ein Ende.

Kunst darf nicht den Kräften des Marktes überlassen werden. Eine rein kommerzielle Kulturlandschaft wäre Gift für die künstlerische Freiheit. Deshalb fördern wir Kunst und Kultur in Berlin. In diesem Jahr mit rund 379 Millionen und im nächsten Jahr mit 397 Millionen Euro. Das sind nicht einmal zwei Prozent des Berliner Gesamthaushaltes in Höhe von 22 Milliarden Euro. Wenn es nach mir ginge, könnte dieser Topf noch üppiger ausgestattet sein und es wäre richtig, einen wesentlichen Teil der Einnahmen aus der „City tax“ in den Kulturbereich fließen zu lassen.

Wir investieren in unsere Kultureinrichtungen, weil wir die Teilhabe für alle sichern wollen. Kunst und Kultur darf kein Luxus für Wohlhabende sein. Diejenigen, die mit ihren kleinen Einkommen die Opern, Theater und Konzerthäuser mitfinanzieren, müssen sich auch die Eintrittskarten leisten können.

Unsere Kultureinrichtungen haben den politischen Auftrag, bezahlbare Karten für alle anzubieten, das kulturelle Erbe zu pflegen, aber auch neue künstlerische Strömungen zu fördern. Angebote zur kulturellen Bildung und Kulturvermittlung garantieren, dass es auch weiterhin Publikum für unsere Kultureinrichtungen gibt. Deshalb verbieten sich Vergleiche zwischen Guiseppe Verdis Opern und aktuellen Rock- oder Popkünstlern schon deshalb, weil James Blunt als auch Cindy aus Marzahn einem aktuellen Zeitgeist entspringen, der in sehr kurzen Zeitspannen wieder anderen Ansprüchen unterliegt.

Hier handelt es sich um kommerzielle Angebote, die sich den Gesetzen des freien Marktes – Angebot und Nachfrage – stellen, die keinen kulturpolitischen Auftrag erfüllen müssen. Da kann es durchaus vorkommen, dass KünstlerInnen drei Jahre hintereinander die Waldbühne füllen, aber dann kein Hahn mehr nach ihnen kräht. Doch Opern wie Fidelio, Zauberflöte, Rigoletto werden noch in 100 Jahren auf den Bühnen zu sehen sein.

Unsere Kultureinrichtungen öffnen sich immer mehr für Kooperationen mit der Freien Szene als gleichberechtigtem Partner. Gleichzeitig gilt es die Arbeits- und Lebensbedingungen der KünstlerInnen zu verbessern. Wir sind auf einem guten Weg, aber es ist noch viel zu tun! Und noch etwas: Wir müssen uns darauf verständigen, dass Kulturförderung grundsätzlich notwendig ist. Kunst und Kultur sind unverzichtbarer Teil der Daseinsvorsorge und daher keine freiwillige Leistung des Staates, der Länder oder der Kommunen.

— Brigitte Lange, kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus

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