Meinung : Wie wollen wir mit den Medien leben?

Foto: promo
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„Dumm, stumpf und gewalttätig“ vom 11. August

Das mediale Problem wächst seit Gameboy, Internet und Handy rasant. Erwachsene, die ohne reifen durften, haben bei Nutzung dieser Medien keine Probleme. Ich durfte ab Gameboy Kinder großziehen und erkannte die Gefahr einer gewissen Fehl-/Nichtentwicklung von Schlüsselkompetenzen. Jede Nutzungseinschränkung wurde von außen torpediert. Gegen Medien, Schul-PC-Pflicht, Gruppenzwänge, gedankenlose Mitmenschen und letztendlich Suchtverhalten gab es weder Hilfe noch Rezepte. Immer mehr Kinder sehe ich gefährdet und möchte deren Eltern sensibilisieren. Schon Erstklässler auf dem Schulweg mit Ohrhörer und Handy sind nicht selten. Die Suchtgefahr ist wohl unbestritten, denn das Gehirn wird oft und sofort auf Knopfdruck belohnt, andererseits gelähmt.

Es fehlt dann an Zeit, Bereitschaft und Fähigkeit zur Förderung geistiger, emotionaler und sozialer Entwicklung. Entstandene Defizite torpedieren später die Ausbildungsfähigkeit oder den Willen. Zu frühe oder häufige Mediennutzung kann die Zukunft der Kinder und Beziehungen zerstören. Eventuell werden „so Aufgewachsene“ eigene Defizite und die ihrer Kinder gar nicht mehr bemerken. Wo bleibt unser Jugendschutz?

Petra Bäumler, Berlin

Zu den wesentlichen kulturellen Veränderungen der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte gehört die zunehmende Durchdringung aller Lebensbereiche mit Medien. Arbeiten und Lernen, Freizeit und Muße, Familienalltag und soziale Kontakte, Politik und gesellschaftliches Engagement – in allen diesen Bereichen stellen Medien nicht mehr nur Instrumente dar, mithilfe derer bestimmte Funktionen leichter, schneller oder effizienter erledigt werden können. Instrumente, die wir auch weglassen könnten, wenn wir bereit sind, auf einigen Komfort zu verzichten. In allen diesen Bereichen sind Medien längst integrale Bestandteile, die die jeweiligen Normen und Handlungsoptionen entscheidend mitprägen. Wenn man daraus nicht den Schluss ziehen mag, einen radikalen Bruch mit der kulturellen Entwicklung der letzten Jahrhunderte vorzunehmen, stellt sich also nicht mehr die Frage, ob wir mit oder ohne Medien leben wollen. Die Frage ist, wie wir mit den Medien leben wollen.

Kritik an „den“ Medien ist verständlich, durch ihre Allgemeinheit aber in der Regel wirkungslos. Wenn sie so weit geht, dass Kinder oder Jugendliche generell von bestimmten Medien ferngehalten werden sollen (z. B. „Internet ab 18“), halte ich sie für kontraproduktiv, weil sie den Blick verstellt für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Frage, welche Angebote und welche technischen Dienstleistungen wir für die individuelle und gesellschaftliche Entwicklung für förderlich oder hinderlich halten. Leider tragen auch zugespitzte Thesen einiger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ab und an dazu bei, bestimmte Medien als das Problem darzustellen.

Insbesondere für Eltern, die sich zu Recht bei vielen alltäglichen Erfahrungen, die sie mit ihren Kindern und deren Medienumgang machen, Sorgen machen, führen solche Pauschalkritiken zu erheblicher Verunsicherung: Müssen sie befürchten, dass ihr neunjähriger Sohn, der gern das Internet für Spiele nutzt, dauerhaft Lernschwierigkeiten haben wird? Wird es irreversible Folgen haben, dass sie mit ihrer siebenjährigen Tochter ab und zu eine Kinderwebsite besuchen? Jede neue Generation von Eltern tut sich mehr oder weniger schwer damit zu beobachten, wie ihre Kinder im voranschreitenden kulturellen Wandel neue Handlungsoptionen ausprobieren und für sich entdecken, denen die Eltern zunächst skeptisch gegenüberstehen. Pauschale Warnungen sind da wenig dienlich, vielmehr bedarf es der Unterstützung, sich über die neuen medialen Angebote zu orientieren, sich eine Meinung zu positiven und negativen Aspekten zu bilden und sich über Möglichkeiten zu informieren, wie bereichernde Medienerfahrungen gefördert und belastende Medienerfahrungen vermieden werden können. In den letzten Jahren ist in dieser Richtung viel geschehen; zahlreiche Initiativen und Informationsangebote stehen Eltern und Kindern zur Verfügung. Mit „sicher online gehen“ (www.sicher-online-gehen.de) ist ein Informationsportal von Bund, Ländern und Wirtschaft eingerichtet worden; seit mehreren Jahren bietet www.fragfinn.de einen geschützten Surfraum für Kinder; Jugendschutz.net informiert über mögliche Gefahren der Internetnutzung und bietet die Möglichkeit, Beschwerden über unangemessene Angebote zu erheben. In der

Diskussion wird oft auch kontrovers debattiert,

ob und wie Schulen sich mit Medien auseinandersetzen sollten.

Eine Schule, die nicht auf die durch und durch mediatisierte Gesellschaft vorbereitet und entsprechende Kompetenzen vermittelt – u. a. auch die Erfahrung, wann es besser ist, nichtmedial zu kommunizieren –, kann ihrer Aufgabe nicht gerecht werden. In diesem Sinne sind Initiativen wie www.keine-bildung-ohne-medien.de ein Schritt in die richtige Richtung. Entscheidend ist weniger, ob die Erfahrungen, die Kinder machen, medienvermittelt oder nicht medienvermittelt sind. Von Bedeutung ist vielmehr, ob sie die Möglichkeiten haben, die für eine umfassende persönliche Entwicklung notwendigen Erfahrungen zu machen – positiv und negativ, bestätigend und herausfordernd, „am eigenen Leibe“ und stellvertretend.

— Prof. Dr. Uwe Hasebrink, Direktor des Hans-

Bredow-Instituts für Medienforschung Hamburg

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