Meinung : Wieder ist Weihnachten: Leitartikel: Die wahrste Geschichte

Bernd Ulrich

Weihnachten hat nicht den besten Ruf. Feiertagsstress und Familienstreit verbinden sich mit dem Fest. Die meisten stöhnen, dass sie am Heiligen Abend mit der Familie zusammensitzen müssen und die Oma heult dann wieder oder den Kindern wird schlecht. Und all die Geschenke! Na, wir schenken uns ja nichts mehr, oder nur ganz wenig. Auch zum Fest wird gern geflunkert.

Woher rührt das schlechte Image? Von der Sehnsucht. Man redet mit dem Gestöhne und Gemäkel die eigenen Hoffnungen herunter und bekommt sie doch nicht weg, diese Sehnsucht nach Harmonie, nach Familie oder wenigstens nach etwas, was einer Familie ähnlich sieht. Und dann kommt es, das Fest. Alle sind da, doch wieder, alle Jahre wieder. Jeder sitzt mit seinen großen Gefühlen und kleinen Gefühlchen auf dem Sofa und wartet, wenn nicht aufs Christkind, so doch auf etwas, das Versöhnung stiftet. Das Gemeinschaft bringt. Und sei es nur ein halbes Stündchen.

Wenn man sich wegdenkt - und gerade in Berlin werden das viele tun -, dass es dieses Fest nur gibt, weil "uns ein Kind geboren ist", selbst wenn man Weihnachten seines religiösen Kerns berauben würde, so bliebe doch immer dieses Datum im Gedächtnis unserer Gesellschaft. Und an diesem 24. Dezember jeden Jahres würden sich (und werden sich) immer wieder die Sehnsüchte sammeln. Die der alten Eltern, selbst wenn sie, klug geworden, versuchen, cool zu wirken. Die der erwachsenen Kinder, auch wenn sie immer gern so tun, als seien sie nur wegen der Eltern gekommen und bloß nicht aus eigenem Bedürfnis.

Wenn man sich ein wenig bemüht, dann kann man Jesus Christus aus dem Weihnachtsfest wegdenken - aber die Bedürfnisse, auf die er antwortet, die vergehen dadurch nicht. Und: Es wirkt!

Denn nüchtern betrachtet ist es nicht verwunderlich, wieviel Streit und Stress es an Weihnachten gibt. Eher erstaunt, wie wenig. Millionen Deutsche, Milliarden Menschen weltweit, tun etwas ganz Ungewöhnliches und Riskantes: Sie kommen zusammen, sehr nah zusammen, versuchen Besinnung oder wenigstens Gemütlichkeit herzustellen und in der ganz überwiegenden Zahl der Fälle gelingt es. Wenn das anders wäre, würde man es jedes Jahr wieder tun?

Wir können uns Jesus Christus wegdenken aus dem Fest seiner Geburt. Wir müssen es aber nicht. Es gibt neben dem - hoffentlich - guten Essen und den Geschenken ein drittes Angebot, das dieser Feiertag bereit hält: den Gottesdienst. Er führt zurück auf das, worum es im Grunde geht. Dort wird gesungen, gelesen und erzählt.

Eine wahre Geschichte? Es wird seit langem, vielleicht schon seit jeher darüber gestritten, ob das alles denn wahr ist, die Menschwerdung Gottes, die Wunder und vor allem die größte Provokation jedes aufgeklärten Geistes: die Auferstehung. Es gibt natürlich eine Menge Gründe, die dagegen sprechen, dass historisch so geschehen ist, was uns die Bibel erzählt und was heute zum zweitausendsten Mal gefeiert wird. Und wenn es nicht so geschehen ist? Mit dem Heiligen Abend und der Geburt Jesu Christi beginnt vielleicht eine wahre, bestimmt aber die wahrste Geschichte, die je Menschen Menschen erzählt haben.

Es geht um die Selbsterniedrigung Gottes zum Menschen. Nie zuvor wurde der Mensch in einer Religion so hoch gehoben und zugleich beschämt. Und nie wieder, auch nicht in den Gegen-Religionen. Von Friedrich Nietzsches Übermensch und Gegen-Gott bis Ray Kurzweils unsterblichem Digitalmenschen haben die Programme der Menschenerhöhung wenig Versöhnung gebracht. Eher Stress, existenziellen Stress.

So also, im stinkenden Stall von Bethlehem, beginnt eine Biographie, die mit dem Tod am Kreuz endet. Am Kreuz bringt sich Gott als unschuldiges Opfer dar, um ein für alle Mal das Opfern von Menschen zu blamieren. Das ist ein herausragender Gedanke, den uns die Bibel da vorschlägt. Über diesen Gedanken kann man gut und gerne ein oder zwei Stunden nachdenken. Auch beim Singen.

Weihnachten hat keinen guten Ruf - aber weil es gar nicht so einfach ist, diesem Fest gerecht zu werden. Eben weil es das Fest unserer eigenen Sehnsüchte ist. Wir wünschen gutes Gelingen.

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