Meinung : Willentliches Beenden

„Selbstmord im Dritten Reich“

vom 19. März

Ein Selbstmörder ist kein Selbstmörder – ist kein Selbstmörder! Kein Mensch kann sich selbst ermorden! Laut StGB ist ein Mörder, wer aus Mordlust ... Habgier ... niedrigen Beweggründen ... heimtückisch ... einen Menschen tötet. Einen anderen! Die genannten Kriterien sind nicht auf einen Suizid anzuwenden, deshalb gilt der sich selbst Tötende auch nicht als Straftäter!

Es gibt (auch in unserer Welt erschreckend viele) Menschen, die sich selbst töten, sich das Leben nehmen, den Freitod wählen ... Das offiziell anzuwendende Substantiv hierfür heißt Suizid, definiert als das willentliche Beenden des eigenen Lebens. In der Wissenschaft hat sich der Begriff durchgesetzt, auch Journalisten gebrauchen ihn korrekterweise immer häufiger.

Noch viel zu oft wird aber das nicht zeitgemäße, falsche Wort Selbstmord verwendet. In der vorliegenden Rezension wimmelt es von solcher Wort-Wiederholung. „Selbstmord“ wird dem Leser förmlich in den Kopf gehämmert. Zwei Ebenen wären hier klarer zu unterscheiden gewesen: die historische, die im Kontext mit Zitaten, Statistiken etc. die Verwendung des alten Begriffs erfordert – und dagegen die zeitgemäße, die Kommentierung, die heutigem Verständnis entspricht und das Wort Suizid verlangt. Diese Überlegung haben bereits die Übersetzer des Buches sträflich vermieden. So wird in der deutschen Ausgabe massenhaft ge-selbstmordet. Der Autor hatte in seiner englischsprachigen Fassung selbstverständlich das Wort Suicide benutzt.

Am Ende der Kette wird mancher Rezipient womöglich in altem Denken bestätigt und die Gesellschaft wird weiterhin schwer von dem Negativ-Image eines „Selbstmörders“ loskommen und um einen verzweifelt gewesenen Menschen im Nachhinein einen Bogen machen, ihn in der kriminellen Ecke belassend.

Anne Stabrey, Berlin-Lichterfelde

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