Meinung : Wind auf seine Mühlen

Von Rüdiger Schaper

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Vor 400 Jahren betrat ein Held namens Don Quijote die Weltbühne, und so feiern wir 2005 nicht allein das Schiller, sondern auch das Cervantes-Jahr. Dabei scheint uns der tragikomische spanische Edelmann näher als die idealistischen deutschen Feuerköpfe. Berlins Kultursenator Thomas Flierl hatte auch eine Art Nationaltheater im Kopf, als er vor einigen Monaten den Schriftsteller Christoph Hein für den Posten des Intendanten am traditionsreichen Deutschen Theater nominierte. Doch wir sahen einen Ritter von der traurigen Gestalt das Pferd besteigen – den Klepper der hauptstädtischen Kulturpolitik. Und sogleich ritten sie gegen die Windmühlen des Westens an – dort war der Feind schnell und bequem ausgemacht: böse Zeitungen, die Hein das Amt des Intendanten nicht zutrauten.

Intendanten bedeutender Staatsbühnen geraten immer wieder ins Kreuzfeuer, ob in München, Hamburg, Zürich oder Wien. Denn Theater ist nicht nur eine öffentliche, sondern auch von der Öffentlichkeit recht komfortabel finanzierte Angelegenheit. Und: Theater muss ein Streitfall sein, zumal in Berlin. Man lese einmal Kritiken und Theaterberichte aus den so oft zitierten Zwanzigerjahren; das waren Stahlgewitter, verglichen mit den Lüftchen, die heute als „denunziatorisch“ und „vernichtend“ empfunden werden. Auch Bernd Wilms, den Christoph Hein am Deutschen Theater hätte ablösen sollen, kennt das Spiel. Hart angefeindet seinerzeit und zum Kandidaten dritter Wahl erklärt, hat er sich durchgekämpft. Heute steht das Deutsche Theater, trotz aller internen Probleme, gut da. Mit „Faust“ und „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ landete es zuletzt große Erfolge.

Hein steigt nun verbittert aus seinem Ritter- und Retterkostüm, Flierl spricht zynisch von einem gescheiterten Versuch – doch beschädigt wurden vor allem das Theater und seine Schauspieler. Für sie fanden weder der manchmal seltsam weltfremde Senator noch der gekränkte Schriftsteller auch nur ein einziges Wort. Eine Findungskommission soll es richten. Doch Flierl hat mit seinen Windmühlenfantasien viel Zeit verspielt.

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