Meinung : Windhunde in den Labors

Zu wenig – nicht zu viel – Freiraum lässt Forscher fälschen

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Alexander S. Kekulé Den Lauf der Forschung und Entdeckungen vorherzusagen, führt den Menschen seit jeher in Versuchung wie der Apfel am Baum der Erkenntnis. Jules Verne lag mit der Beschreibung des U-Bootes „Nautilus“ und dessen geheimnisvollem Antrieb beeindruckend richtig. Aldous Huxleys Fantasie von Retortenmenschen, die „entkorkt“ statt geboren werden, ist ebenfalls Wirklichkeit geworden.

Auch Forscher erliegen nicht selten der Versuchung, die Wissenschaftsläufte vorherzusagen. Dabei bewegen sie sich jedoch auf einem schmalen Grat zwischen Vision und Betrug: Experimente kann nur erfinden, wer eine visionäre Idee davon hat, wie die Ergebnisse aussehen werden – deshalb ist Forschung immer auch ein bisschen Science Fiction. Auch bei der Interpretation der Ergebnisse gehört die Fantasie zum seriösen Handwerkszeug des Wissenschaftlers. Gregor Mendel ließ einige Erbsen unter den Tisch fallen, damit die Ergebnisse besser zu seiner Vererbungstheorie passen. Die so entstandenen Mendel’schen Gesetze prägten ein Jahrhundert lang die gesamte Biologie – bis Molekulargenetiker bewiesen, dass der Augustinermönch geschummelt hatte. Mendel ist trotzdem in die Ruhmeshalle der Wissenschaft gekommen. Dort dürften noch einige andere Forscher verewigt sein, die mehr oder minder schlimm geschummelt haben, aber (noch) nicht ertappt wurden.

Möglicherweise hat der koreanische Klonfälscher Hwang Woo- Suk darauf gehofft, wie Mendel erst postum entlarvt zu werden. Schließlich war es doch nur eine Frage der Zeit, wann nach Schafen, Kühen, Katzen und Pferden auch Menschen geklont werden können. Sobald das Menschenklonen irgendwo auf der Welt geklappt hätte, wäre er als Pionier verewigt worden – niemand würde auf die Idee kommen, ein unabhängig reproduziertes Experiment zu überprüfen.

Doch Hwangs Vorsprung wurde dem Fälscher zur Falle. Die Herstellung menschlicher Stammzellen aus angeblich geklonten Embryos konnte seit ihrer Veröffentlichung im März 2004 in keinem Labor der Welt wiederholt werden. Als die Neider langsam stutzig wurden, musste Hwang das Kunststück noch einmal vorführen: Im Mai 2005 veröffentlichte er die angebliche Herstellung von elf Stammzell-Linien aus Menschen mit genetischen Krankheiten – ein lange ersehnter Durchbruch in der Medizin. Zugleich wollte Hwang den ethischen Vorwurf entkräften, der Klonerfolg sei nur durch Hunderte von Eizellen koreanischer Spenderinnen möglich. Deshalb berichtete er von einer angeblichen Verbesserung der Methode, die jetzt mit einem Bruchteil der Eizellen auskäme. Das musste aber wiederum die ausländischen Konkurrenten stutzig machen, die mit ihren wenigen Eizellen keinen Erfolg hatten. Deshalb wollte Hwang beweisen, dass seine Methode grundsätzlich besser ist als alle anderen – und präsentierte die Klonierung eines Hundes, was als technisch besonders schwierig gilt. Das Trommelfeuer der Erfolgsmeldungen rüttelte schließlich die eigenen Mitarbeiter wach, die im Labor von all den Wundern nichts gesehen hatten. Einer von ihnen gab einen anonymen Hinweis an die Presse. Seit letztem Donnerstag steht fest, dass Hwang die Arbeit vom Mai 2005 komplett gefälscht hat, die anderen Publikationen werden gegenwärtig überprüft.

Der jetzt laut werdende Ruf nach mehr Kontrolle in der Wissenschaft ist jedoch ein falscher Reflex. Die totale Überwachung der Labore würde den Freiraum für die kreative Fantasie zerstören, die das wichtigste Instrument des Forschers ist. Fälscher mit hoher krimineller Intelligenz – wie Hwang – würden ohnehin alle Kontrollen überlisten. Fälschung in der Forschung entsteht nicht durch zu viel, sondern durch zu wenig Freiraum: Wissenschaftler bekommen zunehmend nur noch Mittel für die Forschung, wenn sie viel publizieren, die früher üppigen Basisbudgets liegen nahe null. Wer im Stillen tüftelt und seine Daten lange prüft, wird von mediengewandten Windhunden überholt. Wer als Zweiter oder Dritter publiziert, geht leer aus.

Die USA haben als Reaktion auf ihre eigenen Fälschungsskandale bereits 1985 ein „Büro für wissenschaftliche Integrität“ eingerichtet – trotzdem wurde auch dort weiter gefälscht und betrogen. Da lag George Orwell mit seinem „Ministerium für Wahrheit“ des Jahres 1984 nur knapp daneben. Schriftsteller sind eben doch die besseren Visionäre.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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