Winnenden : Der Amokläufer ist ein Symptom der Gesellschaft

Wer Kindern und Jugendlichen ein gesundes Fundament geben will, der muss in die zugleich schwächste und wichtigste Gruppe der Gesellschaft zu investieren. Und zwar dort, wo sie dem Milieu ihrer Herkunft wenigstens täglich ein paar gesunde Stunden lang fern sind: in Schulen und Kindergärten.

Caroline Fetscher

So grotesk, so verzweifelt es sich anhört: Die Nachricht, dass auch der siebzehnjährige Amokläufer nicht mehr lebt, ist beinahe eine Erleichterung. Denn der ehemalige Realschüler, der am Mittwoch fünfzehn Menschen erschoss, hatte mit der Tat auch eine mörderische Attacke auf seine Zukunft unternommen: Je bewusster ihm die Folgen seines Handelns geworden wären, umso unerträglicher wäre sein Leben auf lange Zeit hinaus geworden. Seine Chance, Scham und Aggressionsstau entrinnen zu können, hätte der schwarz gekleidete, „unauffällige“ Tim K. viel, viel früher haben müssen.

Diese Chance haben Schule, Freunde und Elternhaus dem Jungen, auf die jedes Kind ein Recht hat, nicht geboten. Jetzt, das wird der Täter kalkuliert haben, wird er ernst genommen. Der Preis für solches Versagen ist unakzeptabel.

Auf dieses Massaker eines Privatkriegers wird wieder das Nachdenken über radikale Reformen im Erziehungs- und Bildungssystem folgen. Oft klagen Lehrer wie Politiker die „Verantwortung der Eltern“ ein und setzen auf deren „Sensibilisierung“. Tatsache aber ist: Es gibt toxische Elternhäuser. Es gibt sogar sehr viele und sehr toxische Elternhäuser, in allen Schichten der Bevölkerung. Der Vater des Täters von Winnenden besitzt ein Waffenarsenal. Andere Eltern trinken, schlagen, nehmen Drogen, sind mehr an Prestige als an Liebe interessiert, tischen Junkfood auf, missbrauchen Minderjährige, leben vor laufendem Fernseher, säen Neid, Streit – und, und, und. Ein effizientes Reformprogramm für das Gros der dysfunktionalen Elternhäuser wäre nicht nur unbezahlbar. Es liegt komplett jenseits der Realität.

Wer Kindern und Jugendlichen ein Fundament geben will, das sie trägt, der braucht den politischen Willen, in die zugleich schwächste und wichtigste Gruppe der Gesellschaft massiv zu investieren. Und zwar dort, wo Kinder dem Milieu ihrer Herkunft wenigstens täglich ein paar gesunde Stunden lang fern sind: in Schulen und Kindergärten. Kinder, die stolz sind auf ihre Schule und ihren Beitrag zur Schule, die sich gesehen und ermutigt fühlen, entwickeln kaum Potenzial, gewalttätig und kriminell zu werden, das ist wissenschaftlich erwiesen. Trotzdem gleichen viele Schulen Lernfabriken mit überfordertem Personal. Aufmerksamkeit, Wertschätzung, individuelle emotionale Zuwendung bleiben auf der Strecke. Absolventen besserer Schulen aber werden auch bessere Eltern: Was heute investiert wird, rentiert sich doppelt und dreifach in der nächsten Generation.

Erst seit kurzem gehören, wie in Kassel, Sozialkompetenz und ein Basiswissen in Psychologie zur Ausbildung an pädagogischen Fakultäten. Wo Mobbing an Schulen epidemisch und „Du Opfer!“ der übliche Ausdruck zur Denunziation anderer ist, da herrscht längst Alarmstufe eins. Hochprämierte, gut funktionierende Reformschulen wie „Jenaplan“ entzücken die Gemüter der Politiker und Experten. Zum Vorbild für ein ganzes System von Gesamtschulen werden sie dennoch nicht. Wir leisten sie uns als Orchideen im Distelbeet. Ein unverantwortlicher Irrsinn.

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