Meinung : Wir basteln uns eine Religion

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Nahezu jeder Einzelne von uns steckt in seiner speziellen Sinnkrise. Flüchten oder standhalten, Stoiber oder Merkel, Haribo oder Katjes – lauter Fragen, die auf Antwort warten. Nach allgemeiner bürgerlicher Ansicht sind es die Religionen, die die Aufgabe haben, uns bei diesen existenziellen Entscheidungen zu beraten, doch das fällt ihnen immer schwerer. Zumal das in Deutschland eingebürgerte duale Religionssystem – evangelisch oder katholisch – im Zuge der Globalisierung mannigfache Konkurrenz erhalten hat. Der aufgeklärte Neuzeitbürger nämlich neigt zum Glaubenszapping. Er richtet sich im Alltag nach zirka sieben der zehn Gebote, liebt buddhistische Teezeremonien und richtet sein Bett gegen Mekka, um dem Islam auch mal eine Chance zu geben. So geht es natürlich auf Dauer nicht weiter. Deshalb begrüßen wir hier die Initiative eines protestantischen Senders in Holland, der auf seiner Website einen Schnelltest für die richtige Religion anbietet. 21 Fragen – was machen Sie mit einem Lottogewinn? Wie verhalten Sie sich, wenn auf der Autobahn ein Raser drängelt? – und schon steht das Ergebnis fest, freilich zunächst nur grob unterteilt in vier Weltreligionen und den profanen Humanismus. Doch der Anfang ist gemacht, und das Endziel kann nur das individuelle Glaubensprofil für jeden Einzelnen sein, wenn es sein muss, der russischorthodoxe Hindu mit sunnitisch-atheistischem Einschlag. Die Frage ist dann allerdings, wer dann die Kirchensteuer kriegt. Noch viel Arbeit für die Holländer.

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